1.

Ein menschenleerer Turniersaal vor der ersten Runde. Lange Tischreihen mit immer der gleichen Brettkonstellation, die Figuren darauf regungslos. Ein Blick von der Seite die Bretter entlang, viele Meter dasselbe Bild: links und rechts zwei Reihen Figuren schwarz und weiß, dazwischen vier Reihen Spiel-Raum, die die beiden Pole der „Batterie“ trennen. Die Spieler treffen ein, setzen sich. Der tisch- und brettübergreifende Handschlag stellt die Verbindung her: Die Übereinkunft, den Regeln gemäß miteinander eine „Partie“ zu spielen, die Grundstellung also schachlich auszubeuten, vom Ur-Grund der Grund-Stellung einen taktisch und/oder positionell ergiebigen Boden-Schatz emporzuholen (im Bergbau übrigens ist eine „Partie“ eben dieses, ein abgetrenntes, noch auszubeutendes Stück Kohle-Flöz). Diese Übereinkunft per Handschlag also schließt den "Stromkreis", der mittels der Zugpflicht die vorher getrennten Teile der "Batterie" – schwarz und weiß – miteinander in Kontakt treten läßt. 64 Felder - soviel wie das chinesische I Ging an verschiedenen Zeichen aufbietet, 32 mit Steinen besetzt und 32 leer, jede Partei mit 16 Steinen, davon 8 Offiziere im weiteren Sinne und je 8 Bauern, gegeneinander antretend auf einem Brett mit 4 Ecken, dem Ge-viert eines Boxringes, aus dem es an den Rändern für den König kein Entkommen gibt, 2 Parteien und 1 Spielziel: Das Mattsetzen des Gegners! Mit diesen „Quotienten“ entspricht das Schachspiel offenbar einem im Menschen angelegtem Bedürfnis nach Symmetrie und Ordnung (und setzt sich zahlenmäßig nebenbei im Pokal-Runden-Modus fort).

 

2.
Schach ist die Begegnung von Kraft und Gegenkraft, gleichzeitig jeweils festgefroren nach jedem Zug wie auch als Bewegungsbild in der Gesamtzugfolge zu erkennen. Charakteristisch ist die wechselseitige Bezogenheit beider Kräfte: Nähme man die Steine des Gegners weg, sähen auch Stellungen oder Zugfolgen von Weltmeistern banal und nichtssagend aus.

Schach ist ganz sicher auch Huldigung der Vielfalt, das sich Verlieren in den unendlichen Möglichkeiten der Spielzüge und Kombinationen (vgl. „Frühstück mit Hoene$“) und vielleicht auch gleichzeitiges Rückkehrstreben zur Einheit durch Gefangennahme des Königs (vgl. „Auf der Suche nach dem verlorenen Selbst“).

 

3.
Der formal-logisch Denkende legt Wert auf eine saubere De-fini-tion, die mit den Worten beginnt: „Schach ist ein Brettspiel, welches sich von anderen Brettspielen dadurch unterscheidet, daß ...“ . Eine Definition in klassischer Weise durch Benennung der nächsthöheren Gattung (genus proximum) und des charakteristischen Unterschieds (differentia spezifica) also. Wo liegt nun dieser spezifische Unterschied zu anderen Brettspielen? Hauptsächlich in der differenzierten Gangart der Figuren (im Unterschied zu Go, Backgammon, Dame, Halma, Mühle) und im unterschiedlichen „Parkett“, sprich Spieluntergrund, den karierten, schwarz-weißen Spielfeldern also, welche sonst nur noch im Damespiel Verwendung finden. Das Damespiel wäre formal betrachtet also engster Verwandter des Schachs. Es soll sich im 10. oder 11. Jahrhundert in Frankreich aus dem Schach entwickelt haben und ist praktisch ein „Schach ohne Figuren“ (und ohne König), in dem nur die 12 „Bauern“ gegeneinander antreten, um über das wichtige Zwischenziel der Grundreihen-Verwandlung („Dame!“) ein Übergewicht an Radius und Reichweite und letztlich das Endziel – Eroberung aller gegnerischen Steine – zu erreichen. Das Gegenstück zu „Dame“ wäre somit das „Schach ohne Bauern“, wo jede Partei lediglich mit den acht Steinen auf der Grundreihe agiert, als „chess variation“ durchaus einmal reizvoll.

Schach also ein Brettspiel, welches sich von anderen Brettspielen durch gewisse – oben genannte - Merkmale unterscheidet. Zerlegt man nun den Oberbegriff „Brettspiel“ in die Begriffe „Brett“ und Spiel“, so ist der Begriff des Brettes, hier also des Spielbrettes relativ leicht zu beschreiben: eine meist quadratische Unterlage, die den auf ihr agierenden Steinen Gelegenheit zu Bewegungen bietet - oder zum einmaligen Gesetztwerden beim Go. Dagegen ist der Begriff des Spiels ein viel schwerer definierbarer und von anderem abgrenzbarer: Man kann das Gegensatzpaar „Spiel und Ernst“ bilden, Schiller bemühen („Der Mensch ... ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“) oder ein Spiel als ein Wirklichkeits-Modell, also als eine punktuelle Abbildung der Wirklichkeit betrachten. Letztlich entzieht sich der Begriff des Spiels einer für den formal-logisch Denkenden befriedigenden Definition. Im Wort Definition steckt das lateinische Wort finis = Ende oder Grenze. Wenn ich definiere, so sage ich: Hier hört das Eine auf und fängt das Andere an. Wenn ich Schach als „Brettspiel, welches sich von anderen Brettspielen durch folgende Merkmale unterscheidet ... „ bestimmen will, so ist diese Bestimmung für den Leser oder Zuhörer von Wert, sofern er entweder andere Brettspiele kennt oder sich diese Kenntnis verschaffen kann. Danach kann er die aufgeführten Unterschiede zu anderen Brettspielen betrachten, das Alleinstellungsmerkmal des Schachs in bezug auf die anderen Brettspiele – und weiter zu anderen Spielen aller Art überhaupt zu erfassen versuchen. Es lohnt sich an dieser Stelle einmal die wikipedia-Seite „Spiel“ aufzurufen und dort durch Überfliegen der Seite von der Vielfalt der möglichen Einteilungen Kenntnis zu nehmen. Das Schachspiel könnte danach jeweils als Ruhespiel, Gesellschaftsspiel oder Kampfspiel eingeordnet werden. Doch was ist damit gewonnen? Die Kategorien sind so unzusammenhängend wie in dem Buchtitel „Das große Heimwerkerbuch für Haus, Garten, Garage und Freizeit“. Garage und Freizeit! Bei dem Homeworkoholic, der seinen Wagen am Straßenrand parkt und seine gesamte Freizeit hämmernd und sägend in seiner Garagenwerkstatt verbringt, macht die Zuordnung natürlich Sinn.

Daher heißt es in dem zitierten wikipedia-Artikel auch folgerichtig:
„Es gibt keine allgemeingültige Klassifizierung von Spielen. Die Kriterien für Klassifizierungen sind schwer zu finden. Die Autoren legen entsprechend ihrer Herkunft und Spielabsichten jeweils andere Schwerpunkte für Spielarten oder Spielformen fest. So stellt etwa Johan Huizinga den Kulturaspekt, Jean Piaget den Lernaspekt oder Moritz Lazarus den Gesellschaftsaspekt in den Vordergrund.“

Somit sieht man:. Eine saubere, druckreife und bestandssichere Grenz-Ziehung (per definitionem!) ist bezüglich des Schachspiels schwer. Bezogen auf andere Brettspiele jedenfalls ist vielleicht diejenige am prägnantesten, die Stefan Nehrkorn seinem Artikel "Eine Geschichte des Schachspiels" anläßlich der 28. Sitzung der HUMBOLDT-GESELLSCHAFT am 11.11.1996 vorangestellt hat:

 "Das Schachspiel ist sicher eines der geistreichsten, schwierigsten aber auch interessantesten Brettspiele, die es gibt. Seine Vielfalt und Kompliziertheit erklärt sich vor allem damit, daß auf dem Spielfeld sechs verschiedene Arten von Figuren bewegt werden, die unterschiedliche Funktionen und Stärkeverhältnisse haben. Das Spiel auf den 64 Feldern wird dadurch ungemein verwickelt und phasenreich."

Pickt man sich aus der bekannten Spiel-Sport-Kunst-Wissenschaft-Definition des Schachspiels einmal die Kunsteigenschaft des Schachs heraus und will man salopp formulieren so könnte man - frei nach Karl Valentin - auch sagen: „Schachspielen ist schön, macht aber viel Arbeit.“

 

 4.
Der Erlebnis-Mehrwert beim Schach ist der Spaß am Spiel selbst, ist Aufregung, ist Adrenalin und oft stundenlanges Ausblenden der Alltagssorgen. Doch irgendwann endet bekanntlich jede Partie mit einem Spielergebnis. Hier bleibt das „Glückskonto“ – so meine These - stets ausgeglichen: Gewinnt der Favorit, sind beide Spieler einigermaßen zufrieden. Verliert der Favorit, schwebt der Außenseiter auf Wolke 7., beim Gegner ist es umgekehrt. Daneben gibt es viele Variationen: aufregende Remispartien, verpatzte Gewinnstellungen, Siege in letzter Minute oder letzter Sekunde gar nach stundenlanger Verluststellung. Hier Frust, da Lust – hier zum Beispiel „plus 5“ innere Befindlichkeit, da „minus 5“ oder umgekehrt. Und wenn sich der geschlagene Favorit nach der Partie voll Grimm schlaflos im Bett herumwälzt, während der siegreiche Außenseiter irgendwo am Tresen Lokalrunden gebend seine Glanzpartie feiert, in der er über sich hinausgewachsen ist, so sollte er es dem Sieger gönnen und sich an Abende erinnern, wo es ihm – umgekehrt - genauso ergangen ist. Das „Glückskonto“ bleibt ausgeglichen. Und wenn man sein Bewußtsein ausdehnt und einem das Wohlergehen aller Lebewesen am Herzen liegt, wie es die Mystiker im Kosmischen Bewußtsein, der ersten Stufe der Mystik, erleben (vgl. Paramahansa Yogananda, „Autobiographie eines Yogi“, 14. Kapitel), so achtet man den Mißerfolg seines begrenzten persönlichen Ichs gering und freut sich über den Erfolg des Anderen. Und damit geht der Saldo dauerhaft ins Plus.

 

5.
Rückblick und Ausblick
Dem Hamburger Schachwissenschaftler Mack zufolge soll das Ur-Schach ein dreidimensionales Raum-Schach gewesen sein, ein mathematisches Mysterium der alten indischen Weisen, der Rishis, die ihrem esoterischen Wissen so die exoterische Form des Spiels gaben. Das zweidimensionale Brettschach sei nur eine sekundäre Ableitung des Raumschachs, eine Projektion räumlicher Vorgänge auf die Fläche. Er selbst postulierte ein Raumschach aus 512 kubischen Schachzellen (Siebert, Philosophie des Schachs, Bd.1, 2.Aufl. 1975, S.62 und 63). Interessant ist, daß ausgerechnet ein Mann wie Kieseritzky, dem Weltmeister Anderssen in der „Unsterblichen Partie“ klar unterlegen, auf einem schachlichen Nebengleise diesen verblüffen konnte – und vielleicht ein Pionier eines 3-D-Schachs der Zukunft war?
Nachfolgend als Abschluß die Schilderung dieser kuriosen Begegnung aus der Sicht von Anderssen:
„Eines Tages, als ich mit ihm - Kieseritzky – im Salon des Hotels, das wir gemeinschaftlich bewohnten, zusammentraf, nahm er mich geheimnisvoll beim Arm und lud mich ein, ihm in sein Zimmer zu folgen, wo mir ein hoher Genuß bevorstände. Dort angekommen, wies er nach der Decke, wo ich einen Gegenstand hängen sah, der nach Inhalt und Form mit einem Vogelbauer Ähnlichkeit hatte. Er ließ mich nicht lange auf die Lösung des Rätsels warten. Was über mir schwebte, war nichts geringeres als das einfachste „Matt im Raum“ bei umfassender Wirksamkeit der mattsetzenden Dame. Ich war der erste und einzige in London, dem er dieses Mysterium offenbarte, und doch hätte er sich keinen Unwürdigeren aussuchen können, denn ich begriff von seiner ganzen Erklärung kein Wort, ohne das Bedürfnis nach näherem Aufschluß zu fühlen.“

 

Tja, ich muß los jetzt, guckt mal in den Kalender. Aber man sieht sich. Ganz bestimmt!

 

Richard Yéti
Dortmund, Phoenix-West, Gasometerdach
10.05.2018

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