Ein persönlicher Nachruf auf Udo

Beim Versuch, einige persönliche Worte anlässlich Udos Tod zu verfassen, ist mir wieder einmal bewusst geworden, wie wenig ich doch auch von langjährigen Vereinskameraden wirklich weiß. Was vielleicht auch daran liegt, dass wir nur all zu gern die Mühen und Sorgen des Alltags aus unserem Schach- und Spielvergnügen ausblenden.
Meine erste Begegnung mit Udo hatte ich jedenfalls - wo auch sonst - beim Vereinsabend des FS 98. Eine Kneipenbekanntschaft ludt mich zum Schachspielen ins "Vereinshaus St. Josef" in der Heroldstraße ein, und Udo war natürlich auch da. Das ist jetzt 33 Jahre her, und seitdem waren "Schach im FS 98" und "Udo Jost" zwei synonyme Begriffe für mich. Udo war immer da, wenn ein Spielabend angesetzt war und der BVB nicht gerade spielte - und Ende der 80er-Jahre war der Borussenspielplan noch recht übersichtlich ... Oft sah ich ihn damals schon vor Beginn des regulären Spielabends rauchend und bei einem Bierchen konzentriert in ein Bauernskatspiel vertieft. Ausflug BiggeseeMit seinem Kumpan Horst - auf dem Foto Anfang der 90er-Jahre bei einem Ausflug - lieferte er sich dabei Duelle in schier unendlicher Folge, jedes einzelne wurde mit Punktestand auf einem Bierdeckel notiert und floss in die Endabrechnung ein, die oft genug unterm Strich dann Gleichstand ergab. Der Schach-Spielabend war da oft nur Unterbrechung, die Fortsetzung folgte dann zu vorgerückter Stunde oder wurde abgelöst durch einige Würfelrunden "Lügen" oder "Schocken". Mit Horst verband Udo eine Freundschaft, die auch über Schach und Bauernskat hinausging: Als Horst alleine in seiner Wohnung gestürzt und wegen einer fortschreitenden Erkrankung in ein Heim umziehen musste, hielt Udo den Kontakt über Jahre hinweg aufrecht.
Udo war lange Zeit die unangefochtene Nummer Eins im Verein, Hüter des Spitzenbretts bei Mannschaftskämpfen, Spielleiter, Mannschaftsführer, Flaggschiff und Markenkern des FS 98. Der erste Eintrag in Veröffentlichungen aus der Schachabteilung findet sich im Jahr 1968, als Udo - noch 19jährig - Dritter in einem vereinsinternen Blitzturnier wurde. Es folgte eine dem Grundwehrdienst geschuldete Schach-Zwangspause, bevor Udo dann ab 1971 eine imponierende Serie von Vereinsturniererfolgen hinlegte.
Sein Erfolgsrezept waren waghalsige Manöver, unorthodoxe Züge und vor allem: der Aufmarsch des h-Bauern. Oft kopiert, doch nie erreicht, war dieser "98er-Hebel" Udos Universal-Dosenöffner für verbarrikadierte Stellungen. Natürlich ging solch unternehmungslustiges Spiel nicht immer gut aus, doch auf kritisches Nachfragen, was er denn da für Zeugs spiele, meinte Udo nur: "Wieso? Ich krieg doch Spiel, mehr will ich doch gar nicht!" Aber natürlich wollte er mehr, er wollte gewinnen! Zwar habe ich Udo nie emotional aufgebracht erlebt, doch Partieverluste machten ihm schon zu schaffen, und mir schien manchmal, dass es ihm dann peinlich war, verloren zu haben.
Einen Partiegewinn konnte er jedoch auskosten und mit spitzbübischer Freude ein geglücktes Manöver oder eine gelungene Kombination Revue passieren lassen. Neben dem Schach frönte Udo auch noch einem weiteren Hobby: dem Tischtennis! Auch diesen Sport betrieb Udo vereinsmäßig, nämlich beim großen BVB 09, wo er Training und Mannschaftsspiele bestritt. Ich bekam gedanklich nie ganz das Bild des rauchenden und sich eher etwas bedächtig bewegenden Denkers mit der Vorstellung eines agil an der Platte tänzelnden Tischtennisspielers überein. Öfter kam es zu terminlichen Überschneidungen bei Mannschaftskampfterminen, sodass Udo - manchmal noch mit der Sporttasche unterm Arm - sonntags quasi direkt von der Platte ans Brett wechselte. Möglich, dass solcherlei "Spezialtraining" sein Spiel beim Blitzen befördert hat ...
Ich weiß nicht, wie mein persönlicher Score gegen Udo aussieht, meine erste Partie spielte ich im FS98-Pokalturnier Januar 1989 gegen ihn - und verlor. Die letzte Partie spielten wir im Herbstturnier 2019 gegeneinander - ich gewann. Dazwischen liegen 30 Jahre Schach mit Udo. Es fühlt sich komisch an, dass das nun vorbei ist.