Matt ist Matt: Gedanken zur Beendigung von Schachpartien sowie zur Zweitschlagkapazität bei der Weihnachtspost

 

 „Sieh mal hier!“ sagte neulich ein Vereinskollege zu Theodor, dem Kassenwart der Film-, Münz- und Schach-Freunde von Laurel-and-Hardy-Krüger-Rand-Springer Somborn 64 im Niemandsland zwischen Dortmund und Bochum, und zeigte auf eine Brett-Stellung, in der der schwarze König im rechten oberen Quadranten unentrinnbar in ein Mattnetz versponnen war, wenn Weiß seinen g4-Bauern mit Schach nach g5 schob. „Eigentlich Matt, aber was macht denn Weiß, wenn Schwarz seinen König nach h5 zieht? Der weiße Läufer auf f3, der das Feld kontrolliert, darf ja nicht weg, ist gefesselt, denn schwarzer Turm auf b3 und weißer König auf h3 stünden sich dann auf der dritten Reihe direkt gegenüber!“

 

Pos1 Matt ist matt

 

 „Hmh“ antwortete Theodor, „du meinst, wenn der „matte“ schwärze König einfach nach h5 zieht, dann könnte Weiß ihn dort zwar schlagen mit seinem Läufer auf f3, aber Schwarz würde antworten mit Turm b3 schlägt König auf h3?

  Pos2 Matt ist matter 

 

 „Ja genau!“ erwiderte der Vereinskollege halb ernsthaft, halb belustigt. „Er könnte sogar seinerseits Matt und damit den Partiegewinn reklamieren, denn nach Lxh5 ist dieser gefesselt und kann nicht mehr zur Abwehr des Turmschachs von b3 auf die dritte Reihe zurückkehren. Gleichzeitig kontrolliert nach dem Wegzug des weißen Läufers nunmehr der schwarze Läufer erstmals das letzte Fluchtfeld des weißen Königs, nämlich g2. In dieser Stellung hätte Schwarz zwar keinen König mehr, aber Weiß wäre schachmatt und Schwarz hätte mit seinem „Königsopfer“ das oberste Spielziel, das Mattsetzen des gegnerischen Königs, erreicht! Mensch,Theodor: Turmopfer war gestern, Damenopfer kann jeder, is was für Weicheier und Warmduscher ... erst wenn du bereit bist, deinen König zu opfern, erst dann hast du den nötigen Killer-Instinkt, um im Schach ganz nach vorne zu kommen!“

„Aber Matt ist Matt“ antwortete Theodor und blickte ein wenig befremdet auf die halbleere Flasche Doppelwacholder 38% der Edelbrennerei Mattmann, die sein Gegenüber zur gestischen Untermauerung seines Gedankenganges geschwenkt hatte. „So sind die Regeln nun mal. Im Schach gibt es nur Top oder Flop, kein Matt zweiter Klasse wie in der Gerichtsbarkeit mit ihren Freisprüchen zweiter Klasse mangels Beweisen: Der schwarze König kann nach Bauer g4-g5 + nicht mehr ausweichen. Punkt. Alles Andere  ist egal!“

 

Matt ist Matt. So ist es. So sind die Statuten der FIDE, vgl. Artikel 1.2: “Es ist nicht erlaubt, ... den König des Gegners zu schlagen. Der Gegner, dessen König (zuerst! sollte man vielleicht ergänzen) mattgesetzt worden ist, hat das Spiel verloren!“ Aber warum nur, fragt sich der Verfasser. Zug um Zug wird im Verlauf der Partie alles weggekloppt, was siegbringend erscheint, aber vor dem König macht man dann Halt ??

Definiert man Schach grob vereinfacht als ein Spiel, daß den bewaffneten Kampf oder Krieg nachbildet, so entsprechen die beiden gerade geschilderten Sichtweisen unterschiedlichen Beendigungsszenarien der Kampfhandlungen.

Die regelkonforme, die „Matt und Ende“- Sichtweise ließe sich mit folgendem Bild wiedergeben: Schlachtgetümmel vielleicht im 15. oder 16. Jahrhundert, die beiden Könige waren damals noch artig als Heerführer mit gezogenem Säbel vorangestürmt, alles ist nun vernebelt im Pulverdampf der abgeschossenen Musketen, als plötzlich eine Stimme ruft: „Jungs von der Gegenpartei, laßt sofort eure Waffen fallen, wir haben euren Chef in der Gewalt!“ Und in der Tat, da wo sich der Nebel ein wenig gelichtet hat, sieht man plötzlich einen der beiden Könige im fahlen Licht der Morgensonne stehen, umklammert von mehreren finsteren Gesellen der anderen Gegenpartei, die dem armen Monarchen diverse Qualitätsuniversalküchenmesser der Marke SCHNIPPSCHNAPP (auch der Verfasser dieses Textes benötigt ein kleines Zubrot durch gelegentliches Produktplacement) an die wenige Stunden zuvor vom königlichen Hofbarbier – ohne einen einzigen Schnittfehler, wie makaber in diesem Zusammenhang! – rasierte Kehle gesetzt haben.

So in etwa der mögliche Hergang. Nun könnte sich vielleicht einer der hohen Offiziere des bedrängten Noch-Ober-Hauptes sagen: „Na und, ist mir doch egal, ich konnte den Alten Fritz (hier bitte Versionsnummer Ihrer Wahl eingeben) noch nie leiden, tut was ihr tun müsst mit euren Qualitätsuniversalküchenmessern“ und rufen: „Männer, schert(!) euch nicht um diese Drohung, es wird weiter gekämpft!!!“

Ginge das Gefecht nun weiter? Wer will das mit Sicherheit wissen, lassen wir es einmal offen an dieser Stelle. Es gibt jedoch eine interessante Erkenntnis aus ethnologischer - also völkerkundlicher - Sicht, die Licht auf den Grad an Respekt werfen könnte, die man in den eigenen Reihen gekrönten Häuptern traditionellerweise entgegen brachte: Danach wurden die ersten Könige der Menschheit als Mittler zwischen Gott und den Menschen angesehen, Inhaber von göttlicher Energie und Kraft, dem sogenannten Manu, welches durch sein permanentes Wirken den Stamm oder das Volk erst am Leben hält und seinen Fortbestand garantiert. Macht es gerade „Klick“ beim Leser? Der Zusammenhang ist offensichtlich: König tot = Untertanen/Truppen/Figuren und Steine nicht mehr lebensfähig! Mit dem Tode des Häupt- lings ist der ganze Stamm ent- hauptet. Ohne Kapitän (von lateinisch caput: der Kopf, das Haupt) läuft es nicht, dies leugnen zu wollen, wäre ein kap- italer Fehler, wie traurigerweise die IS-Verbrecher dem Westen mit ihren Enthauptungs-Videos zu demonstrieren versuchen. Gegen solche drastischen Maßnahmen hilft übrigens auch die aktuell so beliebte (den Kopf schützen sollende) Kap-uze nicht. Aber auch die kapuzentragenden IS-Propagandisten-Rapper wie Dennis K. kommen nicht immer unge-schoren davon. Kap- iert, ihr Kap-penträger? Genug der Wortspiele. Auf ein neuerliches Produktplacement wird an dieser Stelle aus Pietätsgründen verzichtet (dennoch Kaufwillige, die den Markennamen vergessen haben: bitte nach oben scrollen!).

Nach dieser gerade geschilderten, aus der Frühgeschichte der Menschheit sich herleitenden Ehrfurcht vor dem mit göttlichen Kräften ausgestatteten König ließe sich die noch heute geltende Matt-Regel erklären: Setzt eine Partei „matt“, so bedeutet dies, daß ihr im nächsten Zug eine absolute Verfügungsgewalt über den gegnerischen König zustünde, sie ihn also schlagen und damit vernichten könnte. Begeht nun die Gegenseite einen Regelverstoß (der weiter kämpfende General, der Führer der schwarzen Steine, der den „matten“ König einfach auf das vom Gegner kontrollierte Feld h5 stellt), so würde der schwarze König – in einem erneuten Regelverstoß, in der Tat – einfach vom gefesselten Läufer f3 auf der dritten Reihe geschlagen.

Daraus folgt weiter: Nach der frühgeschichtlichen, wohl durch das Regelwerk bis in die Gegenwart weiterwirkenden Sichtweise ist mit dieser Vernichtung des gegnerischen Königs und damit seiner lebensspendenden Energie gleichzeitig auch seine gesamte Armee ent-hauptet und somit bewegungs- und handlungsunfähig geworden. Somit könnte in unserem Beispiel der schwarze Turm auf b3, der nach dem Wegzug des den König schlagenden Läufers von f3 nach h5 nun freies Schußfeld auf den weißen König auf h3 hätte, gar nicht mehr ziehen, denn er hätte ja keine Handlungsenergie mehr („Game isch over“, wie Wolfgang Schäuble sagen würde). Das Schlagen des schwarzen Königs entspricht gewissermaßen dem Ziehen des Netzsteckers am PC (vgl. auch den sehenswerten TV-Zweiteiler Rainer Werner Faßbinders „Die Welt am Draht“ von 1973 mit gnostischem Gedankenhintergrund) – oder den Ent-hauptungs-„Luftschlägen“ der Militärs auf gegnerische Kommunikationszentralen (Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel, wie die kolportierte Anekdote über den Seeräuber Störtebecker, welcher - bereits enthauptet – noch die Phalanx seiner gefangenen Mannschaft abgeschritten sein soll und ihnen dadurch das Leben rettete).

Soweit also eine stimmige historische Erklärung dafür, daß dem mattgesetzten Gegner die Hände zum Gegenschlag gebunden sind. Doch die Zeiten ändern sich und damit auch die (militärischen) Umgangsformen: Das Stichwort für Vertreter der Gegenposition heißt ... Zweitschlagkapazität! Ein Begriff, der - wie soziologische Kenner der Materie behaupten - ursprünglich zur Beschreibung des menschlichen Weihnachtspostkarten-Rituals benutzt wurde, in Vergessenheit geriet und dann im militärischen Bereich seine neue Verwendung fand: Schreibt und versendet jemand einen weihnachtlichen Postkartengruß, so tut er gut daran, dies rechtzeitig zu tun, um dem Empfänger, der womöglich aus eigenem Antrieb keinen Gruß an den Absender versendet hätte, Gelegenheit zu geben, innerhalb der zu erwartenden vorfestlichen Postlaufzeit kartenversandtechnisch „nachzurüsten“, das heißt, dem Empfänger die Kapazität zum Zweitschlag durch Grußerwiderung ohne Gesichtsverlust einzuräumen. Klappt dies nicht, bleibt ihm immerhin die ein wenig makelbehaftete weil verräterische Reaktion nach dem Fest mit einer reinen Neujahrskarte (um wenigstens das zu ermöglichen, hat die Grußkartenindustrie schon vor ihrer Entstehung Lobbyarbeit leisten und die beiden Events im günstigen Wochenabstand im Kalender verankern lassen). Ein solcher reiner Neujahrsgruß wäre dann ein Zweitschlag zweiter Klasse ...

Wenn auch der Mensch im adventlichen Streß sich als noch so leidgeprüft empfindet: der Menschheit stehen leider viel schlimmere Terrorinstrumente zur Verfügung, welche mittels des atomaren „Gleichgewicht des Schreckens“ zu bändigen ihm jedenfalls bis zum heutigen Tag nur in äußerst fragiler Weise gelungen zu sein scheint: die Kapazität, die Fähigkeit zum Zweitschlag nach dem ersten Angriff des Gegners hat sich trotz vielfältiger Versuche (SDI in den Achtzigern) nicht gänzlich aus der Welt schaffen lassen können – vielleicht zum Glück. Wäre das Schachspiel erst erfunden worden, nachdem die ersten beiden Atommächte in Waffenbesitz gekommen waren, so hätten sich die Spiel-Entwickler etwas einfallen lassen müssen, um den Spielern ein wirklichkeitsgerechteres Abbild der militärischen Wirklichkeit zu bieten – vielleicht, um einmal bewußt die Deutungsebenen zu vermengen und Reales und Symbolhaftes miteinander zu vermischen, mit folgender Regelung: Wenn die mattgesetzte Partei regelwidrig ausweicht und die mattsetzende dann regelwidrig den Gegner-König schlägt und der wiederum seinerseits den anderen Gegner-König ... dann, ja dann würde automatisch ein serienmäßig in die Bretter eingebauter Selbstentzündungsmechanismus in Kraft gesetzt und die allerletzte Phase einer Schachpartie würde enden, wie es sprichwörtlich bisher opferreichen wilden Mittelspielpositionen vorbehalten blieb: mit einem Brett in Flammen! -

Ist darüber hinausgehend noch ein anderer Blickwinkel möglich? Soll der König des Gegners vielleicht gar nicht vernichtet respektive zuerst vernichtet werden, sondern aus Prinzip nur gefangengenommen werden und wenn ja, warum? Und ist die dieser Perspektive zugrundeliegende Sichtweise historisch überholt oder ist sie womöglich noch tragbar – und wenn ja, welche Grundannahmen sind dafür nötig? Über diese Fragen hat sich Richard Yéti in seinem Text „Auf der Suche nach dem verlorenen Selbst“ Gedanken gemacht, der allerdings nur für weltanschaulich sehr tolerante Leser geeignet ist. Den Dingen wird dabei nicht nur auf den Grund gegangen, sondern es wird sogar noch im Untergrund gegraben: eine Zumutung in der schnelllebigen heutigen Zeit!

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