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„Neulich hat man alte Meisterpartien mit neuen Computerprogrammen untersucht und erstaunlich wenige Fehler gefunden – die konnten schon spielen, die alten Meister!“

„Woraus ich am meisten für mein Schach gelernt habe? Aus den Partien der alten Meister!“

Soweit zwei Aussagen von Spielern im Umfeld eures Vereins, die mir zugetragen wurden. Die erstgenannte Aussage dürfte nach meinem Kenntnisstand umstritten sein, dies soll aber an dieser Stelle nicht weiter vertieft werden. Vielmehr geht es mir um den Begriff „Alte Meister“ selbst, den Nimbus und den Mythos, der damit verbunden wird und dem hier nachgegangen werden soll.

In den Künsten wird unter „Alten Meistern“ von heute aus betrachtet in der Regel an die Epoche zwischen dem 14. und  18. Jahrhundert gedacht, im Schach vom Gefühl her vielleicht an alles bis 1945, also bis zum Ende der Ära Aljechin.

Das Wort „Meister“ leitet sich von dem lateinischen Wort „Magister“ ab. Magister ist ein Begriff aus dem Bereich des Studiums, der heute vielfach von Bachelor und Master (englisch für Meister) abgelöst worden ist. Für Unkundige wird dabei der niedere Abschlussgrad Bachelor der erstrebenswertere sein, verbindet sich doch für ihn, den Unkundigen und durch den Einfluss der Medien Verblendeten, mit dem Status eines Bachelor die Möglichkeit, unter etlichen begehrenswerten jungen Damen (nicht unbedingt Jungfrauen, insofern ein Downgrading im Vergleich zu islamischen Gotteskriegern und Märtyrern auf dem Weg ins Paradies) nach und nach die passende auswählen zu können. Dabei ist in Wirklichkeit der Master der höhere Abschluss, er verheißt in der Regel einen guten Job und die Aussicht, mit einer Master-Card (!) auch leichter Zugang zu den Annehmlichkeiten unseres Wirtschaftssystems erlangen zu können, am besten noch durch Zugang zum Börsenmaklertum, nicht selten aus Cliquen von Manipulateuren bestehend, die sich oft – befeuert von reichlich Koks, dieses inhaliert wiederum vorbei an ihren meist schon künstlichen Nasenscheidewänden – bei ihren waghalsigen, für die Weltwirtschaft selten förderlichen Transaktionen als „Masters of the Universe“ fühlen – wir leben zwar nur am Rande einer kleinen Galaxie unter Milliarden anderen, aber drunter geht’s halt nicht - „Think big“ ist die Devise, noch sind keine Außerirdischen gekommen, um zu widersprechen.

Das oben erwähnte Wort Magister weist gleichzeitig auf das Wort Magier hin, somit auf einen Menschen, der - tatsächlich oder nur vorgetäuscht aus Unterhaltungsgründen im Variete - die Naturgesetze zu überwinden sich anschickt, Anstalten macht, sich zersägen zu lassen und sich danach wieder rückstandslos zusammenzusetzen, verdutzten Zuschauern ein Zwei-Euro-Stück aus der Nase ziehen oder gar die chinesische Mauer durchdringen kann. Im sagenumwobenen Atlantis sollen diese Fähigkeiten gang und gäbe gewesen sein, im Wege der Teleportation etwa, der Bewegung schwerer Steinbrocken per Gedankenkraft, sollen Großbauten erheblich schneller und billiger errichtet worden sein als ohne diese Fähigkeiten, allein der Missbrauch dieser Kräfte habe schließlich zum Untergang dieser Zivilisation geführt. Wie auch immer: Der Magier ist somit eine Person, die die Naturkräfte kontrollieren und bemeistern kann - oder erfolgreich so tut als ob.

In unserer heutigen Zeit kennen wir den Meisterbegriff vor allem aus dem Handwerk, ein Endpunkt, erreicht in drei Stufen: Lehrling – Geselle – Meister, eine langjährige Ausbildung krönend, deren vorgebliche Notwendigkeit bei europäischen Nachbarn und Zugewanderten oft auf Verwunderung und Unverständnis stößt.

Während bei Goethe sich „Der Zauberlehrling“ überhebt und der zurückkehrende „alte Meister“ am Gedicht-Ende die Dinge wieder ins Lot bringen muss, so wird „Wilhelm Meister“ nach langen Lehr-und Wanderjahren schließlich Arzt und bringt eine Menge Praxis und Lebens-Erfahrung in seinen Beruf mit ein – anders als manch heutiger junger Schnösel dieses Standes, der über das korrekte Ausfüllen von Multiple-Choice-Fragebögen kaum hinausgekommen zu sein scheint.

Der Begriff des Groß-Meisters wiederum ist im Handwerk dagegen nicht bekannt, er weist auf eine andere Traditionslinie hin, auf eine Rangstufe innerhalb religiös-spiritueller Orden und Geheimgesellschaften. Illuminaten, Templer und Freimaurer sollen als Beispiele genannt werden – allesamt wohl zu Unrecht verdächtigt, Verschwörungen zu betreiben und somit als Sündenböcke dienend für unerquickliche gesellschaftliche Entwicklungen anderer Ursachen, die man aber ihnen in die Schuhe zu schieben trachtete.

Erwähnenswert ist übrigens, dass die vielen Hierarchiestufen innerhalb solcher Organisationen noch getoppt werden durch Behauptungen, die höchste Stufe des Ordens X sei lediglich gleichzusetzen mit der niedersten des Ordens Y oder umgekehrt – mithin ein munterer Wettbewerb um die spirituelle Deutungshoheit stattfand innerhalb der Gesamt-Community. Jedenfalls setzt ein Aufstieg innerhalb der jeweiligen Organisation immer einen weiteren spirituellen Entwicklungsschritt des jeweiligen Aspiranten, dokumentiert durch eine Prüfung, voraus. Hier spätestens sehen wir die Parallele zum Schach, zu unseren Nationalen, FIDE-, Internationalen und Groß-Meistern – alle mussten zur Erlangung ihrer Titel eine Prüfung bestehen, ein sich Bewähren in einem Umfeld eines bestimmten Niveaus, innerhalb eines bestimmten Turniers (oder mehrerer), verbunden mit dem Erreichen einer bestimmten Punktzahl.

Wie in den spirituellen Traditionslinien auch wird beim Schach der jeweilige einmal erreichte Titel nicht mehr aberkannt. Es wird nicht auf das wiederkehrende Verteidigen einer bestimmten Elozahl abgestellt, sondern mit dem jeweiligen Titel scheint honoriert zu werden, zumindest einmal – peak-artig – ein bestimmtes Verständnisniveau erreicht zu haben, um in einem vorher definierten hochrangigen Teilnehmerfeld mithalten zu können. Es geht also um ein mehr allgemeines Spielverständnis, was zu bleiben scheint, auch wenn die Elozahl aufgrund Alters, Tagesform oder geringerer Investition in Training und Weiterbildung schwankt oder auch kontinuierlich abnimmt.

Damit haben wir den Begriff des Meisters halbwegs erschöpfend behandelt. Was fasziniert nun besonders an den alten Meistern? Der Begriff des „alten“ lässt sich in zweierlei Weise deuten:

Zum einen bezüglich des Lebensalters des betreffenden Meisters, zum anderen als Retrospektive auf eine Art klassisches, ja goldenes Zeitalter, wo bekanntlich alles besser gewesen zu sein schien.

Zunächst zum Lebensalter: In unserem westlichen Kulturkreis ist das Lebensalter eines Menschen selten geeignet, Ehrfurcht oder gar Bewunderung hervorzurufen, viele assoziieren damit unwillkürlich Demenz und andere Missliebigkeiten. Jedoch kennen wir aus so manchem „Eastern“ die fast archetypische Figur des agilen und geschmeidigen Tai-Chi- oder gar Kung-Fu-Meisters, der mit seinen noch vorhandenen Fertigkeiten jüngere Generationen in Erstaunen versetzt. Entsprechende Dokumentationen mit demonstrierten Kampfkünsten solcher „Senioren“ bezeugen dabei den faktischen Wahrheitsgehalt solcher Film-Mythen. Die lebenslange Ausübung seiner Künste befähigt dabei – mag auch die Körperkraft um einiges nachlassen – den betreffenden alten Meister zumindest zur Demonstration korrekter Technik und aufgrund der jahrzehntelangen Praxis in der Regel zu einem besonders geeigneten Lehrmeister.

Der andere – zeitalterbezogene – Aspekt des Altmeister-Begriffs erzeugt seine positive Aufladung zunächst durch die einfache Tatsache, dass in früheren, mutmaßlich goldeneren Epochen, wo vieles besser schien, schlichtweg weniger Menschen als heute lebten, somit auch rein zahlenmäßig weniger Menschen als heute künstlerische Großtaten vollbringen konnten. Die geringere Speichermöglichkeit ihrer jeweiligen Glanztaten vollbrachte ihr Übriges. Noch mal anders: Erstens waren es weniger, die sich hervortun konnten. Die Produkte dieser Wenigen wurden zweitens – auf die Nachwelt bezogen – noch weniger, da Material sowie Reproduktions- und Archivierungstechniken die Auswahl begrenzte. Andererseits geht der heutige Konsument künstlerischen Schaffens – sei es in Literatur, Malerei, Musik oder Schach – wahrscheinlich zu Recht davon aus, dass sich im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte bei der Überlieferung Qualität Bahn gebrochen haben wird und man heute bei Werken aus früheren Zeiten „das Beste vom Besten“ serviert bekommt. Ob Goethe, Rembrandt, Mozart, Morphy oder Steinitz – es entspräche kaum der Lebenserfahrung, wollte man ernsthaft vermuten, jeweils deutlich Talentiertere als die Genannten seien von finsteren Mächten rezeptorisch unter den Teppich gekehrt worden und die heute verehrten Geistesgrößen im Vergleich zu diesen Unbekannten nur Durchschnittsköpfe gewesen (ein Antonio Salieri – Stichwort Mozart – dürfte das einer - heute allerdings als widerlegt geltenden-  Gerüchteküche zufolge womöglich anders gesehen haben).

Auffällig sind immerhin parallele Entwicklungen in den Bereichen Schach und Literatur: Zu der heutigen Großmeister-“Inflation“ im Schach gibt es eine deutliche Parallele auf dem Gebiet des als veröffentlichungswert angesehenen Literarischen: Ein Goethe wäre bei Millionen von Titeln jährlich ausgerechnet bei der Buchmesse in Frankfurt, seiner Heimatstadt, vielleicht verlagstechnisch unter die Räder gekommen und in der Versenkung verschwunden. Zur Frage der qualitativen Vergleichbarkeit: Auch hier trennt wohl erst vergehende Zeit nach und nach die Spreu vom Weizen. Kommen wir noch zur beliebten Quizfrage: „Wer ist der beste Schachspieler aller Zeiten?“ Garri Kasparow, selbst als heißer Anwärter für diesen Titel gehandelt, sah dies in einem Interview wohl genauso, was er aber nur durch die Blume auszudrücken wagte mit Hinweis auf seine vielen Turniererfolge, im übrigen sei dies im Hinblick auf die unterschiedlichen Spielstile auch eine Frage des persönlichen Geschmacks. Inzwischen rückt der amtierende Weltmeister bei Vielen bei diesem Rating in den Vordergrund.

Noch ein Wort zu dem Terminus Goldenes Zeitalter, ein eher kulturhistorisch verwendeter Begriff: Stets liegt dieses Zeitalter in der Vergangenheit, ob bei den Hindus oder bei Oswald Spengler, der bekanntlich den „Untergang des Abendlandes“ vorhersagte. Hätte er von der heute anstehenden Klimakrise gewusst, würde er das „Morgenland“, als Sinnbild für den Rest der Welt, noch mit in den Buchtitel aufgenommen haben.

Nehmen wir zum Schluss deshalb noch eine mythologisch anmutende Gestalt in den Blick, einen Altmeister eben, der die beiden Bedeutungsebenen Lebensalter einerseits und aus einer goldeneren Epoche stammend andererseits in einer Person miteinander vereint: sie tritt uns auf dem Gebiet der Heilkunst mythologisch verklärt entgegen als der Uralte, der Chinese mit langem weißen Bart, irgendwo abgeschieden auf einem Berg in dichtem unzugänglichem Wald an einer Quelle lebend und ausgestattet mit einer einzigen goldenen Akupunktur-Nadel. Hat ein Kranker nach langem mühseligem Suchen ihn endlich aufgespürt in seiner Eremitage, so genügt dem Heiler ein einziges Nadelsetzen an der exakt richtigen Stelle, um sofort einen umfassenden und dauerhaften Heilerfolg zu erzielen. Der Berg steht in diesem Szenario offensichtlich für die Nähe zu höherem Wissen, welches aber – der unzugängliche Wald am Berghang – nicht leicht zu finden ist. Die Güldenheit der Nadel steht für Reinheit und Qualität und ebenso wie die Quelle für die Nähe zum Ursprung aller Erkenntnis in der Vergangenheit, zeitlich weit weit entfernt von unserer zersplitterten modernen und postmodernen Welt. Hier kommt unbedingt auch der Begriff „Weisheit des Alters“ ins Spiel (als Gegenpol zur Demenz), der dem gerade geschilderten Kundigen bei seinen Heilbemühungen zugute kommt.

Immer wohnt dem Begriff der „Alten Meister“ aber auch ein kulturkritisches Element inne, welches Assoziationen dahingehend weckt, es könne qualitativ nur bergab gehen. Ein Gedankengang, der nicht ganz von der Hand zu weisen ist, denn um es zum Schluss einmal zuzuspitzen: Alte Dombaumeister - hier vereinigt sich übrigens begrifflich spirituelle mit handwerklicher Kompetenz – nötigen uns in der Regel Respekt ab, eher selten dagegen verliert jemand anerkennende Worte über … alte Plattenbaumeister.

 

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