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A.

„Sehen Sie ... und darum werden Sie jetzt mein Angebot annehmen, 50.000 Euro für ein Jahr Komplettschutz für Ihre Firma.“

„50.000? Wo denken Sie hin, das ist völlig unmöglich!“

„Gut, also 100.000.“

„Bitte? Aber ich habe Ihnen doch gerade gesagt …“

„Und ich habe Ihnen von Anfang an gesagt, dass ich nicht verhandele. 150.000.“

„Sind Sie ver... ich meine, wie kann ich 150.000 bezahlen, wenn ich schon 50.000 nicht stemmen kann …“

„Oh doch, Sie können das, locker sogar. Ich kenne ihre Geschäftsbücher. Und deshalb steigt der Preis jetzt auf 200.000 im Jahr. Hätten Sie auch für 50.000 haben können. Haben Sie´s jetzt begriffen oder soll ich auf 250.000 erhöhen?“

„Sie sind ja völlig... halt warten Sie, ich bin einverstanden, also 200.000, abgemacht!“

So oder ähnlich werden sie vielerorts ablaufen, die „Geschäftsbesprechungen“ zwischen dem Inhaber eines gutgehenden Ladens mit viel Publikumsverkehr und einem Schutzgelderpresser.

Wer die Macht und die Druckmittel hat, der bestimmt den Preis. Ist es nun nicht so, dass wir – die gesamte Menschheit – uns in sehr ähnlicher Lage befinden wie der Geschäftsmann, nur nicht einem menschlichen Erpresser ausgeliefert, sondern … der Natur. Ihr ist egal, was mit uns passiert. Sie ist auf uns nicht angewiesen. Sie zeigt uns nur mit ihren Vorboten, mit Dürren, Waldbränden, Tornados und Sturmfluten, was passieren wird, wenn wir so weiter machen ohne gegenzusteuern im individuellen Konsumverhalten, und ohne kollektive Anpassungsmaßnahmen, die zwar eine Menge Geld kosten – aber wenn wir länger warten, wenn wir noch länger nichts tun, dann wird es immer teurer und teurer.

Das gerade Geschilderte ist jedenfalls das derzeit kursierende Narrativ Eurer Grünen und - abgeschwächt-relativierend - auch anderer eurer bürgerlichen deutschen Parteien, die aus Angst vor dahinschwindender Wählergunst hier nacheifern und auf den grünen Zug aufspringen wollen (zwar lebe ich in Nepal, aber über meine Verwandten in Dortmund und Pirmasens und natürlich über das Netz kriege ich einiges mit).

Und ich halte dieses Narrativ für überzeugend, die Ungewissheit angesichts von Kipppunkten des Weltklimas – sei es bei Veränderungen des Golfstroms, des Jetstreams, der Polkappen oder des russischen Permafrostbodens für besorgniserregend. Deshalb ist meiner Ansicht nach jegliches Zocken, Verzögern und auf Zeit spielen („Wird schon nicht so schnell kippen, jetzt warten mer erstmal ab, dann sehn mer schon“) nicht verantwortbar. 40 Jahre Vorwarnzeit haben wir also weltweit verschlafen, plötzlich soll nur noch 10 Jahre Zeit sein, bevor aus eher düsteren Aussichten, die sowieso nicht mehr vermieden werden können, auch noch zappendustere zu werden drohen.

Wie konnte es soweit kommen??

Wie ist es um die ethischen Grundsätze der Menschheit bisher bestellt gewesen und warum?

 

B.

Weiß und Schwarz

Tage und Nächte

Hell und Dunkel

Licht und Schatten

Gut und Böse

GEO und EGO

Blickt man von der Seite, im Winkel von 90 Grad, auf ein aufgebautes Schachbrett, so sieht man die weißen und schwarzen Steine mit weitem Abstand voneinander aufgereiht – wie Verkörperungen von Gut und Böse in den gängigen Moralvorstellungen, Extreme darstellend, denen nach menschlichen Maßstäben in etwa ausgeprägte Narzissten und Soziopathen auf der einen schwarzen und Heilige auf der anderen weißen Seite entsprechen dürften (die psychologischen Fachbegriffe habe ich hier bewusst vereinfachend, aber für unsere Zwecke ausreichend verwendet.) Es geht also um Menschengruppen, die sich entweder von rein egozentrischen oder rein geo- oder weltzentrischen Leitlinien leiten lassen.

Als gängige „berühmte“ Beispiele für die egozentrisch Angetriebenen könnte man Hitler, Stalin und Pol Pot nennen, als Beispiele für weltzentrisch Geleitete, denen also bei allen ihren Handlungen das Wohl aller Weltbewohner am Herzen liegt, vielleicht Mahatma Gandhi, Albert Schweitzer und Mutter Teresa.

Allein, so schematisch und stringent geht es im menschlichen Leben natürlich nicht zu. Darum ist es sinnvoll, neben den Extremen Egozentrik und Weltzentrik noch eine dritte ethische Kategorie zu bilden, die hier Ethnozentrik genannt werden soll. Diese Begrifflichkeit soll das gesamte Spektrum dazwischen abbilden, eine ethische Grundhaltung, die die Menschen - wohl die übergroße Mehrheit aller Menschen - aufweisen, die nicht nur stets und ausschließlich ihr eigenes persönliches Wohl oder stets nur das Wohl der gesamten Menschheit im Sinne haben bei allen ihren Handlungen, sondern vornehmlich – neben dem eigenen - am Wohlergehen bestimmter Menschengruppen interessiert sind: dem von (Ehe)partnern, eigenen Kindern, Freunden, Verwandten, Nachbarn, Geschäftspartnern, Fußballvereinen, ihrer Stadt, ihrer Volksgruppe, ihrer Nation. Sind es die wenigen Menschen im engeren Umfeld, wird deren Wohlergehen in der Regel durch eigenen wirtschaftlichen Erfolg zu erreichen gesucht, das Wohlergehen größerer Gruppen versucht man durch Engagement in Vereinen und Verbänden, in Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs) oder Ämtern in der Politik zu erreichen.

Völlig logisch dabei, dass bei jeder anstehenden Entscheidung immer das „Hemd-Hose-Prinzip“ zum Tragen kommt: der Mutter ist das eigene Kind wichtiger als das Nachbarkind, der Mafioso, dem das Syndikat die Liquidierung der eigenen Frau auferlegt hat, wird Wege suchen, sich dieser Aufgabe zu entziehen (vgl. Jack Nicholson in „Die Ehre der Prizzis“ von 1985). Aus der Bibel wissen wir, dass dagegen Abraham in seiner Loyalität zu Gott vorbildlich gewesen sein soll, er hätte die Opferung seines Sohnes Isaak „voll durchgezogen“, wenn Gott ihm nicht in die Parade gefahren wäre durch Aussendung eines Engels und Bereitstellung eines Widders als alternatives Brandopfer (vgl. 1. Mose 22, 12 bis 16).

Im Allgemeinen verschafft nun das Vortäuschen einer höheren eigenen ethischen Stufe dem Handelnden Vorteile: Der Soziopath „liebt“ auch seine Frau, seinen Hund, seine Kinder – aber nicht um ihrer selbst willen, sondern nur, wenn und solange sie seine eigenen Bedürfnisse nach Zuneigung und Aufmerksamkeit, nach Prestige zufrieden stellen. Ist dies nicht oder nicht mehr der Fall, sind sie ihm vollkommen egal, aber das sagt er natürlich nicht (zumindest nicht seiner Frau, um nicht durch das Anhören ihres empörten Zeterns schlechte Laune  bekommen zu "müssen"). Korrupte Bürgermeister begehen ihre Schandtaten nach eigenem Verständnis oder zumindest in der Außendarstellung letztlich immer nur zum Wohle der Gemeinde und nie zum Wohle ihres eigenen Geldbeutels.

Ebenso wird argumentiert, das Wohlergehen der eigenen Gruppe diene letztlich dem Wohlergehen der nächsthöheren Gruppierung (Pferdeäpfeltheorie der Liberalen), gar der ganzen Welt. (The american way of life für die ganze Welt. Geht’s der Wirtschaft gut, fallen auch genug Krümel vom Kuchen ab für die Sozialhilfeempfänger ... Kapitalismus als allumfassendes Wohlstandskonzept, am deutschen Wesen soll die Welt ge ... ach nein, lieber nicht.

Halten wir hier einmal als Zwischenergebnis fest: Das Gebiet der ethnozentrischen Ethik entspricht auf dem Schachbrett dem leeren Raum zwischen den weißen und den schwarzen Steinen, zwischen Hell und Dunkel, zwischen "Gut" und "Böse". Man kann die Analogie sogar soweit vorantreiben, die Grundstellung mit den einfachen Moralvorstellungen eines Kindes zu vergleichen, dem in simplen Begriffen von den Eltern beigebracht wurde, was es tun solle und was nicht - und die Phase sagen wir: des Mittelspiels mit all seinen komplizierten Verflechtungen, seinen wechselseitigen Abhängigkeiten der Steine einmal im jeweiligen weißen und jeweiligen schwarzen Lager untereinander und dazu noch zwischen der weißen Position einerseits und der schwarzen Position andererseits, diese Phase des Mittelspiels sagen wir mit dem Bewußtsein von jungen Erwerbstätigen, die ihre Familie ernähren müssen und daher mal mehr, mal weniger begründet glauben, an ihre Umgebung vielfältige Zgeständnisse machen zu müssen. Kurt Tucholsky brachte es auf den Punkt, als er 1919 schrieb - damals gemünzt auf die politische Lage Deutschlands, aber auch gut verallgemeinerbar auf die eigennützigen und die gemeinnützigen Kräfte in jedem Menschen:

"Schließen wir nen kleinen Kompromiß!

Davon hat man keine Kümmernis.

Einerseits - und andererseits -

so ein Ding hat manchen Reiz ..."

 

Die drei Stufen der Ethik am Beispiel des Soldaten

Soldaten sind dem Schachspieler vertraut in Gestalt der Bauern, dem Fußvolk unter den Figuren. In der Tat gibt es hier tatsächliche Übereinstimmungen:

Der herkömmliche Soldat wurde zwangsrekrutiert und dies nicht selten unter den im doppelten Sinne armen Bauern, die das Territorium ihres Fürsten oder ihres „Heimatlandes“ „verteidigen“ sollen. Angriffskriege führen selbstredend immer nur die Anderen. Schlägt man doch einmal selber als erster zu wie Hitler 1941 beim Überfall auf die Sowjetunion, so nur deshalb um dem Gegner zuvor zu kommen. Es soll übrigens nicht wenige Familien im Deutschland nach 1945 gegeben haben, ob nun in Dortmund, Pirmasens oder Buxtehude, in denen nicht der hochdekorierte Kriegsverbrecher als schwarzes Schaf der Familie galt, dessen Existenz man tunlichst zu erwähnen vermeidet, sondern dessen Bruder, der Deserteur, der sein Vaterland a) verraten habe und b) natürlich nicht aus Gewissensgründen, sondern nur aus Feigheit gehandelt habe.

Grundsätzlich aber sind die Motive des rekrutierten Soldaten weniger ehrenrührig im Vergleich mit dem klassischen Söldner, der ausschließlich wegen des Soldes, wegen der Kohle also, in den Krieg zieht, als Teilnehmer einer gigantischen Überlebens-Lotterie, das Bibelwort „Der Sünde Sold ist der Tod“ geflissentlich ignorierend und sich immer wieder der Hoffnung hingebend, das Blutgeld nach Ende des aktuellen Gemetzels noch ausgeben zu können. In Deutschland ist der 30jährige Krieg ein anschauliches Beispiel dafür. Den Franzosen wiederum gelang sogar das Kunststück, nach 1945 großteils psychisch entwurzelten Abenteurern aus der ganzen Welt in der „Force de Frappe“, der Fremdenlegion, eine neue Heimstatt zu geben und durch deren weltweiten Einsatz in Krisengebieten ihre militärische Drecksarbeit ohne große Verluste von eigenen Landsleuten erledigen zu können. Sie haben es gemacht wie Tom Sawyer, den seine Tante zum Zaunstreichen verdonnert hat: Indem er tat, als wäre es ein Privileg und keine Bürde, wandelte er den Spott seiner vorbeischlurfenden Kumpel in Begehren („Komm lass mich auch mal, nur einen Strich!“) - und kassierte am Ende auch noch reichlich Lohn von seinen Mitarbeitern. Diesen ähnlich müssen die fremden Fremdenlegionäre zermürbende Aufnahmerituale bestehen und sind nachher auch noch stolz, diesem „elitären“ Club anzugehören.

Am Beispiel des Soldaten können wir also gut die drei Stufen der Ethik erkennen:

Auf Stufe 1, der egozentrischen Stufe, stehen die Söldner, die für jeden in den Krieg ziehen, der ihnen ein lukratives Angebot macht. Auf der 2., der ethnozentrischen Stufe, stehen diejenigen Soldaten, die für ihr eigenes Land kämpfen, für ihre eigene Volksgruppe (Ethnie), dafür bereit sind, ihr eigenes Leben zu opfern, aber auch das Leben des sogenannten „Feindes“ zu zerstören. Auf der 3., der weltzentrischen Stufe, wären wohl UN-Blauhelmsoldaten anzusiedeln, die bereit sind, nicht für ihr eigenes Land sondern zur Befriedung weltpolitischer Konflikte, egal wo auf der Welt, ihr Leben aufs Spiel zu setzen (leider hat sich diese Strategie bisher noch nicht sonderlich bewährt (Stichworte: Srebrenica 1993 und Ruanda 1994).

Selbstverständlich hängt die Qualität der individuellen ethischen Entscheidung der einzelnen Soldaten jenseits dieser groben Dreiteilung auch von dem Grad an Freiwilligkeit ab, der ihnen zur Verfügung steht, sowie von ihrem Widerstandsvermögen gegenüber Propaganda, die ihnen ein Kriegs- oder Einsatzziel mit einem höheren moralischen Wert schmackhaft machen will, als es bei vernünftiger unvoreingenommener Betrachtung tatsächlich der Fall ist.

C.

Am Beispiel der „Bevölkerungsgruppe“ des Soldaten haben wir die praktischen Ausprägungen der drei Stufen der Ethik behandelt.

Es sollen nun in einem ultrakurzen historischen Schnelldurchlauf die Entwicklung und Ausbreitung der drei Ethikstufen bei der menschlichen Besiedelung dieses Planeten behandelt werden. Einen guten Überblick über diese Besiedelung gibt das Buch von Yuval Harari: „Eine kurze Geschichte der Menschheit“. Er beschreibt darin die Entwicklung zum Homo sapiens und dessen nach und nach erfolgende Ausbreitung auf der Welt. Der Trend ging dabei über kleinere mobile menschliche Ansammlungen, die der Jagd nachgingen, zur allmählichen Sesshaftigkeit der Viehzüchter und Ackerbauer bis hin zur Industrialisierung und heutigen weltweiten Post-Industrialisierung im globalisierten Computerzeitalter.

In der Frühzeit des Menschen und lange danach waren ethische Überzeugungen wohl nur auf die Stufen 1 und 2 beschränkt, neben blindem Egoismus Einzelner herrschte ein Gemeinschaftsgefühl allenfalls in der eigenen kleineren Gruppe, die Horden im nächsten Tal, hinter dem nächsten Hügel werden wohl schon als Feinde betrachtet worden sein. Später - mit der Sesshaftwerdung des Menschen - entstanden größere Siedlungen, gesicherte Städte, deren Bewohnern Schutz gegen Eindringlinge von Außen gewährt wurden. Nach Harari brachten dann drei Faktoren – Gold, Schwert und Kreuz, also Handel, Krieg und Religion – eine noch größere Erweiterung des menschlichen Horizontes in geografischer wie mentaler Sicht.. Die Ethik blieb jedoch immer auf der Stufe 2 , der ethnozentrischen Stufe. Es entstanden in vielen Gebieten der Erde größere Machtzentren, gar Weltreiche, in denen den Bewohnern ein gewisser Schutz nach außen, gegen die Anderen, die Nachbarn, die Barbaren gewährt wurde (während im Innern sich verschiedene Klassensysteme bildeten, die in der Regel auf dem Vermögen der verschiedenen Klassen und dem damit einhergehendem kleineren oder größeren politischen Einfluss beruhten. Kolonialismus und Rassismus führten später zu massiven Ungleichheiten zwischen 1.,2. und 3. Welt, Sexismus und Chauvinismus bestanden sowieso unverändert und durchgängig nach dem Ende eines wann auch immer zeitlich anzusiedelnden Matriachats.

Erste Ansätze zu einer wirklichen weltzentrischen Perspektive ließen sich etwa nach dem Ersten Weltkrieg feststellen: mit der Gründung des Internationalen Roten Kreuzes wurde ein Mindeststandard bei der Behandlung von Kriegsgefangenen geschaffen, der neugeschaffene Völkerbund verhinderte zwar nicht den Zweiten Weltkrieg, diente jedoch als Vorläufer der UNO mit ihren vielfältigen weltweit tätigen Organisationen wie zum Beispiel der WHO, der Weltgesundheitsorganisation, die zur Zeit immerhin die ungerechte Verteilung von Impfstoffen anprangert. In der Nachkriegszeit entwickelte sich vornehmlich in den Demokratien des Westens nach und nach ein Bewusstsein, dass mehr und mehr auf die Belange der gesamten Menschheit, ja der gesamten Biosphäre ein Augenmerk zu richten sei: Vorkämpfer für Frieden, Ökologie und soziale Gerechtigkeit fanden bis zum Ende des letzten Jahrhunderts zunehmend Gehör – auf dem Papier jedenfalls und in den Lippenbekenntnissen der politischen Entscheidungsträger und Wirtschaftsführer.

Beim Übergang von Ethnozentrismus zum Weltzentrismus, von der Ethik der Stufe 2 zu Stufe 3, erkennt man dann den gleichen Mechanismus, der auch schon in den Übergängen zwischen Stufe 1 und Stufe 2 zu erkennen war: Gewaltherrscher und Despoten verfolgten fast ausschließlich egoistische Ziele, ihr jeweiliges Imperium war überwiegend eine Erweiterung ihres unersättlichen Egos. Lediglich um Soldaten für ihre Kriege zu rekrutieren, wurden von ihnen Gemeinschaftswerte wie die Verteidigung eines Stammes, eines Volkes, einer Nation gegen Feinde von Außen ins ((Ab-)Schlacht-)Feld geführt, also eine Ethik der Stufe 2 beschworen. Am Beispiel Hitlers in seinen letzten Bunkertagen zeigt sich: Die vorgebliche Verteidigung des eigenen Volkes gegen den Bolschewismus etc. war ihm allenfalls bedingt ein Anliegen; als der Krieg nicht mehr zu gewinnen war, da war „das deutsche Volk seiner nicht wert“ und sollte gefälligst mit ihm untergehen (Ähnliche Motivlagen dürfte man auch Stalin unterstellen können, der Millionen Landsleute in seinen Gulags umbringen ließ – und dem völkermordenden Pol Pot sowieso).

Denselben Mechanismus – nämlich das Vortäuschen einer höheren ethischen Stufe - erleben wir gegenwärtig, in den letzten Jahrzehnten in Bezug auf die Stufen 2 und 3: Nahezu alle Staaten und Volkswirtschaften handeln nur im eigenen Interesse; aufgrund der kritischen Grundhaltung der sensibilisierten Öffentlichkeit vor allem in den Demokratien des Westens mit ihren Absatzmärkten müssen sich weltweit die Mächtigen jeweils als irgendwie demokratisch, als den Volkswillen ausführend, als ökologischen und sozialen Belangen verpflichtet und die Belange der Weltgemeinschaft berücksichtigend ausgeben - seien es jetzt de-facto-Diktaturen wie China oder Russland (für die Aufnahme der USA in diesen erlauchten Kreis ist es zur Zeit noch etwas zu früh, Joe Biden und seinen Wählern sei Dank) oder multinationale Firmen mit ihren entsprechenden gestelzt-gedreckselten Sätzen in ihren „Unternehmensleitlinien“. Welt- oder Geozentrik wird versprochen, aber die übliche ethnozentrische Vorgehensweise (Country oder Company first) wird in der Praxis beibehalten.

Weil aber die Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft den Übergang von Stufe 2 zu Stufe 3 immer noch nicht vollzogen haben (sonst wären sie auch nicht in diese hohen Positionen gekommen, denn das Aussprechen unbequemer Wahrheiten ist nirgendwo karrierefördernd, weil die Normalbürger, die Konsumenten, die „Otto Normalverbraucher“ also, gerne hören, dass sie sich nicht allzu sehr einschränken müssen), blieben die Warnungen der Wissenschaft, der fachkundigen NGOs, auch der Grünen, gerade im Hinblick auf die global wirkende Klimakrise bis heute folgenlos. Hoimar von Ditfurth war wohl Anfang der Siebziger mit seiner Sendung „Querschnitt“ der erste Rufer in der Wüste mit Breitenwirkung in eurem Fernsehen, dessen Rufen, dessen Warnungen vor den Folgen eines Klimawandels aber ungehört verhallten. Gut 40 Jahre ist nahezu nichts passiert, hat die Menschheit ethnozentrisch statt weltzentrisch gelebt und es bedurfte erst eines schwedischen Mädchens aus Stockholm, um die heutigen Klima-Proteste der Jugend zu befördern und den Machthabern dieser Welt mit den berühmten Worten „How dare you ...“ völlig ohne falschen Respekt die Leviten zu lesen.

Wie wird die Entwicklung weitergehen? Wird die Menschheit aus Pandemie und Klimakrise lernen und zu weltweiter Kooperation, Toleranz und Zusammenarbeit finden? Oder werden nationale oder klassenbedingte Egoismen weiter die Oberhand behalten? Welche Alliancen werden sich bilden, gar eine neue Weltordnung? Wird es weltweite systematische Versuche geben, die Lippenbekenntnisse zu unterlaufen, wonach „jeder Mensch“ gemäß der UN-Charta gleiche Rechte auf Leben, körperliche Unversehrtheit, den Schutz vor Gewalt und dergleichen mehr hat? Oder wird es Bündnisse der besitzenden Klassen geben, die große Bevölkerungsschichten weiterhin weltweit nur als ausbeutbare Masse betrachten und danach handeln? Kann es eine Reform des Kapitalismus geben oder kommt nur die vollständige Abschaffung als tragfähige Lösung in Betracht – und wie könnten dann neue notwendige Strukturen beschaffen sein? All diese Fragen werden in den nächsten Jahrzehnten, ja nächsten Jahren - beschleunigt durch die Klimakrise - an Schärfe gewinnen: Kämpfe um Rohstoffe, um Nahrung und Wasser werden entstehen, Migration gigantischen Ausmaßes steht wohl bevor.

Eine Hochrechnung: Wenn wir bei bald 10 Mrd. Menschen derzeit nur 100 Jahre, also vier Generationen weiterdenken, dann werden schon bei einem fiktiven Reproduktionsfaktor von 1 mit unserem Verhalten die Existenzbedingungen von 50 Milliarden jetziger und künftiger Menschen beeinflusst werden – nur 100 Jahre in die Zukunft gedacht! Mit unserem Verhalten entscheiden wir also womöglich über die Zukunftschancen und Lebensbedingungen von 50 Milliarden Menschen auf diesem Planeten – und dies tun wir womöglich mit unserem Verhalten, unserem Lebensstil in den nächsten 10 Jahren. Jeder Leser, jede Leserin sollte hier einmal innehalten und wenigstens ansatzweise versuchen, sich die ungeheure Tragweite des gerade Beschriebenen vor Augen zu führen.

 

D.

Angesichts dessen: Sollte man hier nicht alles, wirklich alles in einem globalen Brainstorming an Ideen und Konzepten zusammentragen, was zur Rettung, zur Abmilderung der Klimaerwärmung in irgendeiner Weise in Frage kommt?

Und wie bei einem Treffen sogenannter „Werber“ vor ihrem Flipchart, auf das die abgefahrensten Einfälle gekritzelt werden - seien sie auch noch so hirnverbrannt, durch noch so viel Kokserei zustandegekommen, aber sie bringen die Anwesenden wieder auf neue brauchbare Ideen - soll auch hier das für viele so Angestaubte, scheinbar Überholte aus der mutmaßlich ideengeschichtlichen Mottenkiste hervorgekramt werden: Der Glaube an Transzendentes, an Jenseitiges, und nun die sehr praktische Frage gestellt werden: Macht es für die Lösung der anstehenden Probleme einen Unterschied, ob eine Mehrheit der Planetenbewohner an ein höheres Wesen und eine Weiterexistenz im Jenseits glaubt, (ja idealerweise aus eigener Erfahrung dessen gewiss ist) oder nicht?

Schritt 1: Was nach dem Tode sein wird, das sehe ich pragmatisch. Es wird etwas sein, dessen bin ich mir zu 95 % gewiss. Vieles ist dabei möglich, für Unsinn halte ich aber die Möglichkeit der ewigen Verdammnis, eindeutig ein kirchenpolitisches Machtinstrument. Irgendwie wird sich jemand im Jenseits der armen Seelen schon annehmen und sie für Weiteres vorbereiten. Ob nun über Karma und Reinkarnation (meine Favoriten) oder andere postmortale Konstellationen der Weiterexistenz:. Ein Weiterexistieren bedeutet jedenfalls eine Verantwortlichkeit (in irgendeiner vernünftigen angemessenen, nicht übertriebenen Form) für diesseits begangene Taten – und genau dies passt dem kleinen nölenden Ego nicht und es suggeriert seinem Bewusstseinsträger deshalb, der janze Driss (wie eure Rheinländer sagen) is sowieso nur ausjemachter Stuss, mit dem es sich nicht zu beschäftigen lohne. Und deshalb wird für diese Zeitgenossen spätestens hier mit Lesen Schluss sein, ich darf mich also an dieser Stelle von der genannten Klientel verabschieden.

Für den verbliebenen Rest Lesender:

Schritt 2: Entscheidend für unsere Frage ist das Bewusstsein der Menschen hier im Diesseits. Was könnte also den Unterschied machen zwischen einem ethisch hochentwickelten Atheisten einerseits, der sich aufrichtig bemüht, sich innerlich weltzentrisch aufzustellen und so oft wie möglich bei seinen Handlungen für das globale Wohl das Richtige zu tun – und einem Anderen mit demselben ethischen Standard andererseits, der aber von einer ewigen eigenen Existenz überzeugt ist?

Ob nun „idealistischer Materialist“ oder Jenseits-Gläubiger, die Anforderungen an spöttisch „Gutmenschen“ Genannte sind heutzutage immens, wenn sie „die Welt retten“ wollen.

Hier ein paar Beispiele:

Nicht fliegen, Masken tragen, Fahrrad statt Auto, Abstand halten, FairTrade einkaufen, bei Klamotten auf BioLabel achten und Reportagen über gefälschte Labels sehen und in die eigenen Kaufentscheidungen einarbeiten; Nichts Neues mehr kaufen, auf Fleisch verzichten, kein Kaffee wegen der Ausbeutung, keine Schokolade wegen der mit Machete erntenden Kinder, die sich große Schnittwunden zufügen können, nur regional und saisonal Lebensmittel einkaufen, kein Tropenholz für die Gartenmöbel und ständig Briefe für politische Gefangene für amnesty schreiben, aber jeder individuell gestaltet und höflich formuliert, sonst nehmen die Auftraggeber der Schergen und Folterknechte das übel („also in diesem Ton schon mal gar nicht“). Die richtige Partei wählen, selbst politisch aktiv werden. Darauf drängen, Patente für Impfstoffe an die 3. Welt freizugeben. Als Demokratien im Wettbewerb bestehen mit Diktaturen, die Krisen wie die Pandemie anscheinend besser managen können. An der inneren Entwicklung arbeiten, Psychotherapie, Meditation, die inneren negativen Muster Vorurteile und Blockaden erkennen, die Mißtrauen schüren. Gesundes und ungesundes Mißtrauen unterscheiden lernen und – zumindest säkulare - Versionen der eigenen Achtsamkeit entwickeln. Masken tragen, nicht fliegen und wieder Fair Trade kaufen, aber das mit dem richtigen Siegel... die richtigen Bücher lesen gemäß Franz Kafka „als Axt für das gefrorene Meer in uns“, den Stiel der Axt aber unbedingt ohne Holz aus Monokulturen oder Tropenholz und bei der Schneide aus Metall auf Sozialstandards bei der Erzgewinnung in den Bergwerken achten und beim Handykauf auf lange Haltbarkeit wegen der Kinderarbeit bei der Coltan-Gewinnung im Kongo. Den Pool im Garten stilllegen trotz Hitzewelle und dafür einen Komposthaufen anlegen, den Garten insektenfreundlich gestalten und ab November Igel im Karton überwintern lassen - aber keine üppigen Meisenknödel aufhängen, das schadet nur. Jetzt im Winter eine Stunde pro Woche Vögel im Garten zählen und an die Naturschutzbünde weitermelden. Und am besten von den Apnoe-Tauchern die richtige Atemtechnik lernen um eine Pandemieinfektion leichter überstehen zu können ...

Man sieht, da kommt einiges an Anforderungen zusammen für den oder die, die die Welt wenn nicht retten so doch ein klein wenig zu einem besseren Ort machen wollen. Auf die opferbringenden politischen Aktivisten, Umweltschützer und Journalisten in aller Welt habe ich schon in meinem Artikel „Anmerkungen über das Opfer(n)“ hier in dieser Randspringer-Rubrik hingewiesen. (Anmerkung am Rande: Das reichste Prozent der Weltbevölkerung - mehr als 100.000 Dollar jährlich - produziert 15 % der jährlichen CO2-Emissionen, also doppelt soviel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Und je reicher natürlich, umso höher ist der dementsprechende "Wirkungsgrad" - per Super-Boliden, Groß-Yachten und Weltraumflügen).

Zurück zum Unterschied zwischen Atheisten und Gläubigen: Für den Atheisten ist mit dem Tode alles vorbei, das ganze irdische Leben lang geht es für ihn also um Alles oder Nichts, um den vollen maximalen Einsatz. Nichts gegen Ernsthaftigkeit und gegen das Bewusstsein der Endlichkeit, das hilft, jeden Augenblick als unwiederbringlich und einzigartig zu betrachten auf dem „Trip, den man das Leben nennt“, wie Udo Lindenberg sich auszudrücken pflegt. Andererseits geht mit dieser Fokussierung auf das irdische Dasein aber der Sinn für das Spielerische verloren. Wer alle Annehmlichkeiten nur im Diesseits findet, erlebt Verlustängste, wenn die Rahmenbedingungen für den Genuss von Essen und Trinken, Sex, Spiel, Musik und Tanz durch Krankheit, Armut oder andere Schicksalsschläge verloren zu gehen drohen. Wohl dem, der dann wie der biblische Hiob all diese Nackenschläge wegsteckt (und gemäß der Bibel dafür am Ende natürlich von Gott belohnt wird).

Dem hinduistischem Yogi dagegen, dem christlichen Asketen oder dem buddhistischen Mönch fällt es durch sein Leben in Bedürfnislosigkeit bedeutend leichter, Verzicht zu üben und mit anderen zu teilen, Fähigkeiten, die wir angesichts von Pandemie und Klimakrise wohl noch sehr gut brauchen können werden.

Dennoch: Diese Leidensfähigkeit, diese Fähigkeit zum Verzicht gibt es durchaus auch unter Atheisten, die von hohen Idealen beseelt sind, wie den sogenannten „glühenden“ Kommunisten beispielsweise, deren Hoffnung auf eine kommende bessere Gesellschaft viele von ihnen lange Jahre der Haft und Gefangenschaft unter widrigsten Bedingungen hat ertragen lassen. Man sieht: das bessere Leben, welches der Gläubige im Jenseits findet, projiziert (ich gebe zu: dies ist ein klein wenig eine polemische umkehrende Unterstellung meinerseits!), projiziert der Kommunist oder Sozialist auf das Leben künftiger Generationen in einer hoffentlich bald besseren Welt.

Auch hier geht es also um eine Art „Jenseits“, dieses aber in einem künftigen besseren Diesseits verortet. Ken Wilber (dessen Positionen im wikipedia-Artikel über ihn eher unzulänglich beschrieben werden) hat solche Vorstellungen wie diese gerade genannte als Varianten von Atman-Projekten bezeichnet, mit denen Menschen, die ihre eigene Unsterblichkeit, ihr Leben als und im Atman, als göttlicher Funke, nicht erkennen können oder wollen, versuchen, dennoch etwas diesem Ähnlichem gegenüberzustellen und aufzubauen.

Doch im Nicht-Dualen Bewußtsein, (der höchsten Stufe der Mystik, in der ständigen Verbindung mit dem Unwandelbaren) zu leben, heißt bedürfnislos leben zu können, aber auch Irdisches genießen zu können, den Genuss mit Anderen teilen zu können (das 10. Ochsenbild des Zen: das (Wieder-)Hereinkommen auf den Markt mit offenen Händen) selbst jedoch nicht mehr abhängig davon zu sein, da man sich dauerhaft an der Quelle befindet. Oft wird den Vertretern spirituellen Gedankengutes vorgeworfen, sich um eine Einmischung in politische Kämpfe und Haltungen zu drücken. Doch ist die Haltung eines Eremiten, bedürfnislos in einer Höhle, oder eines Mönches in seiner Klostergemeinschaft nicht extrem politisch, sie, die nicht durch Reklame zum Konsum manipulierbar sind, die nicht aufhetzbar sind von Agitatoren, die ihnen vorschreiben wollen, dass sie einen „Klassenfeind“ oder wen auch immer zu hassen und zu bekämpfen haben? Sind sie, ist ihre Geisteshaltung, nicht die beste Garantie für einen Ausweg aus hemmungsloser Umweltzerstörung und weltfriedenbedrohendem Wettrüsten? Und steht diese - nennen wir sie einmal stoische - Haltung nicht auf einem festeren Fundament, weil im „Jenseits“, also jenseits des Grobstofflichen verankert als die an die grobe Materie gebundene Vorstellung des „idealistischen Materialisten“, dessen Heilsmodelle immer vom „Goodwill“ seiner störanfälligen Umgebung, die ihm nach seiner Vorstellung als einziges Refugium zur Verfügung steht, abhängig sind?

An dieser Stelle gilt es, noch einmal den Roten ((!) sollte alle Linken doch freuen!) Faden aufzunehmen in drei Gedankenschritten:

Ein Jenseits für möglich halten

Nach Vorteilen suchen im Vergleich zwischen den Weltbildern der „Gläubigen“ und der Atheisten im Hinblick auf zu erwartende schwierige Anpassungsprozesse nach sich ändernden Lebensbedingungen. Mein Vorschlag: Letztlich bessere Streßreduktion, höhere Resilienz durch Verankerung in einem System außerhalb des störanfälligen offen-sichtlichen Systems finden, ein klarer Punktsieg somit für die „Gläubigen“ (oder auch Wissenden) aus meiner Sicht

Nach dieser in Punkt 2 formulierten Arbeitshypothese Erkenntniswege einschlagen, um aus einem „Vielleicht“ nach und nach eine Gewissheit werden zu lassen.

Ein großes Hindernis auf dem Weg, eine mutmaßlich wenig vorteilhafte, starre Abgrenzung zwischen eigenem kleinen Ich und dem Rest der Welt aufzugeben und damit den Weg zu ebnen für mehr Verständnis und Kooperation mit den benachteiligten Regionen dieser Welt ist die Angst vor der Unterwerfung unter etwas Höheres, Größeres, welches dem eigenen kleinen Ego vorschreiben will, wie es sein Leben gestalten soll. Hier gilt es – bei Interesse – unter den Gurus und Institutionen – nach bewährten „Markenartikeln“ zu suchen und auf erfahrene Lehrer zurückzugreifen, die möglichst in ununterbrochenen Überlieferungstraditionen stehen, um zu gewährleisten, dass nicht unausgegorene oder gar gefährliche Vorstellungen im eigenen Inneren entstehen (Das Buch „Meister, Gurus, Menschenfänger“ von Ken Wilber und Anderen könnte eine erste Orientierung geben).

Eine hilfreiche Übung kann es auch sein, einmal das eigene Leben Revue passieren zu lassen und eine Art vorausschauenden Vorab-Nachruf zu Papier zu bringen, um einmal die Grenze zwischen Leben und Tod, die den meisten Menschen so zu schaffen macht, vorübergehend spielerisch gedanklich zu überschreiten.

Als Anregung sei einmal – mit seiner Einwilligung - der von eurem Schachfreund Udo R. zu Papier gebrachte eigene Nachruf wiedergegeben, der dabei auch - durch den Einbau postmoderner Gestaltungselemente im Wege der vorübergehenden Verwischung der Autorenschaft- eine literarische Stilübung absolvierte (ein Vorweg-Nachruf, ein eigener möglichst weit vorausschauender Nachruf, das sei betont, wie ihn auch der Humorist Herbert Feuerstein etliche Jahre vor seinem Ableben als eine Art Podcast hinterlegt hatte):

>>„Nachruf“ auf Udo R.

(geschrieben von C. B. oder Nachfolger)

05.09.2019

>>Seine Leistungen am Schachbrett waren überschaubar, so seine eigene Meinung, meistens ein vorsichtiges Spiel ohne den unbedingten Willen zum Sieg und oft mit einem Remis zufrieden, wo noch mehr drin gewesen wäre. Sein Privatleben unspektakulär und ruhig, ohne das Bestreben, immense Erlebniseinheiten in jedwedes Zeitfenster hineinzupacken.

Ganz anders sein Herangehen an andere Themen, die Welt des Geistes und der Philosophie: hier gab es für ihn keine Denkverbote, hier war er ein Radikaler und versuchte den Dingen auf den letzten Grund zu gehen. Wer setzt sich schon nachts vor den PC, wenn ihn der Schlaf mal nicht einholen wollte, mit dem Ziel, in dreißig Minuten seinen eigenen Nachruf auf den Bildschirm zu bringen?

„Warum sollte ich das nicht machen? Willst etwa du es lieber tun, wenn es mal soweit ist?“ fragte er mich im selben Text, ganz der post-moderne Dienstleister, der dem Vereinspräsidenten eine unangenehme Pflicht abnehmen will. „Ist übrigens eine sehr reizvolle Aufgabe, die Möglichkeiten sind schier unbegrenzt – stilistisch jedenfalls, ich meine, so zu schreiben, daß die Leser und Leserinnen nicht sicher wissen, wer gerade spricht, der als Texter eingangs Genannte oder der „Verstorbene“ (die Anführungszeichen im vorstehenden Wort sind natürlich von ihm, denn er hatte subjektiv die „95prozentige Gewissheit, dass der Tod nicht das Ende ist“).

Wie nun damit umgehen, mit einem solchen letzten Willen, der vielleicht auch von Misstrauen geprägt ist, dass man über ihn Dinge schreibt, die er nicht erwähnenswert findet, da „es nur die Grundfragen des Menschseins sind, über die man sich in einem Nachruf äußern sollte und nicht Nebensächlichkeiten wie Turnierergebnisse oder die Arbeit für den Verein.“? Soll man dieses Ansinnen rundheraus ablehnen und einen eigenen herkömmlichen Nachruf formulieren? Oder beide – den eigenen als Präsident und den des Verstorbenen – nebeneinander veröffentlichen? Und wenn ja, in welcher Reihenfolge?

Nach langem Nachdenken habe ich mich dafür entschieden, dem Verstorbenen die vollkommene Freiheit zu lassen, seinen eigenen Nachruf unredigiert (Fällt einem als Deutschlehrer nicht leicht! ((An den Nachfolger: vorstehenden Zusatz bitte streichen! – Sofern es nicht wieder ein Deutschlehrer ist! – Genau.))), seinen eigenen Nachruf also unredigiert und unzensiert veröffentlicht zu bekommen, nicht zuletzt seine spezielle Art von Humor widerspiegelnd, getreu dem Motto: d(ies)es Menschen (letzter) Wille sei sein ... Himmelreich!

C.B. (oder Nachfolger)<<

Soviel dazu. - Ich fasse hier noch einmal thesenartig zusammen:

Die Hauptdaseinsquelle im Spirituellen zu suchen, scheint kein Rückschritt zu sein, sondern ein Fortschritt gegenüber einer Wissenschaft, die zwar zurecht die Auswüchse eines mythologisch orientierten Gottes- und Religionsverständnisses bekämpft hat, dabei aber ihre Kompetenzen überschritten hat, indem sie sich eine Deutungshoheit angemaßt hat für Themenfelder, für die sie keine Kompetenz besitzt - für die innere Entwicklung des Menschen.

Menschen, die die Realität auf das sogenannte Diesseits reduzieren, werden in den nächsten 5, den nächsten 10 Jahren jedenfalls sehen, wieweit sie mit dieser mutmaßlich reduzierten und einseitigen Sicht bei ihrer Lebensbewältigung kommen werden.

Es wird die Behauptung aufgestellt, dass die Orientierung an einem außerhalb des Diesseits gelegenen Orientierungsrahmen, also an einem „Jenseits“, von dem die herkömmlichen Religionen allerdings unterschiedliche und voneinander abweichende Vorstellungen haben (der Buddhismus kommt zum Beispiel vereinfacht formuliert ganz ohne persönlichen Gott oder Götter aus), da meist noch die notwendige Erkenntnistiefe fehlt, die nur durch individuelle eigene Erfahrung herbeigeführt werden kann, dass eine solche Orientierung für die Bewältigung der vor uns liegenden Aufgaben hilfreich sein kann, ja vielleicht sogar unerlässlich.

 

E.

Mit der ISS einmal um die Welt

Es gibt Nächte, da befällt mich Fernweh im Schlaf – und das Verlangen nach Weitblick. In solchen Momenten, solchen Nächten, die sternenklar sind, weil wolkenlos, da wache ich auf im Traum, in meinen Traum hinein, in unserem bescheidenen Heim in den Bergen Nepals, sehe neben mir mein holdes Weib friedlich atmend in Morpheus´ Armen liegen – und ich steige empor in meinem Traumkörper zur Cupola, der gläsernen Aussichtskuppel der Internationalen Raumstation ISS. Manchmal habe ich Glück und die Kuppel gehört mir allein, manchmal hat seit neuestem Matthias Maurer, euer neuer deutscher Mann im All, die gleiche Idee wie ich. Doch sieht und hört er mich nicht, er, der dort hingerissen schwebt und mit offenem Mund und geweiteten Augen den atemberaubenden Ausblick genießt - auf zwei unterschiedlichen Frequenzen existieren wir dort, auch stört mich, den Klarträumer, den luziden Träumer nicht mein irdischer Körper von Zweimeterundzwölf, der kaum in die Kuppel hineinpassen würde (böten auch meine irdischen Füße in Übergröße beim Umhertrudeln mitunter vortrefflichen Halt): mit meinem Traumkörper kann ich nirgendwo anecken an Irdisches und habe überall Platz - und die Kuppel im All habe ich mir ausgesucht um dieselbe Perspektive zu haben wie Menschen im Wachzustand - wenn auch nur sehr wenige.

Während wir dahingleiten in 400 km Höhe und mit 28.000 km/h Reisegeschwindigkeit, lautlos weil reibungslos nach außen hin, jedoch im Innern mit Brummen und Dröhnen (die vielen Versorgungsaggregate im Innern der Station können nicht lautlos betrieben werden), ziehen die Länder, Kontinente und Meere unter uns hinweg. Keine Staatsgrenzen sind zu sehen, willkürlich von Menschen gezogen, ihre „Verteidigung“ oft mit unvorstellbar hohem Blutzoll bezahlt.

Ein Lied fällt mir dazu ein, der Song „Imagine“ von John Lennon von 1971.

Weil der Text so bedeutsam ist, hier gleich die Wiedergabe in Deutsch für die des Englischen nicht ganz so Mächtigen:

Stell dir vor, es gäbe kein Himmelreich,
Es ist ganz einfach, wenn du es versuchst.
Keine Hölle unter uns,
über uns nur der Himmel.

Stell dir vor, alle Menschen
leben nur für das "Heute".

Stell dir vor, es gäbe keine Länder,
es ist nicht schwer, das zu tun.
Nichts, wofür es sich lohnt zu töten oder zu sterben
und auch keine Religion.

Stell dir vor, alle Menschen,
leben ihr Leben in Frieden.

Du wirst vielleicht sagen, ich sei ein Träumer,
aber ich bin nicht der Einzige.
Ich hoffe, eines Tages wirst auch du einer von uns sein,
und die ganze Welt wird eins sein.

Stell dir vor, es gäbe keinen Besitz mehr.
Ich frage mich, ob du das kannst.
Keinen Grund für Gier oder Hunger,
Eine Menschheit in Brüderlichkeit.

Stell dir vor, alle Menschen
teilen sich die ganze Welt.

Du wirst vielleicht sagen, ich sei ein Träumer,
aber ich bin nicht der Einzige.
Ich hoffe, eines Tages wirst auch du einer von uns sein,
und die ganze Welt wird eins sein.

Dieser Text ist eindeutig aus ethisch weltzentrischer Sicht geschrieben. John Lennon unterscheidet allerdings im Originaltext metaphysischen heaven und astronomischen sky, was in der deutschen Übersetzung mit Himmelreich und Himmel nur unzulänglich wiedergegeben wird. Es ist kein Geheimnis, dass ich dem ein Himmelreich leugnenden Dichter an dieser (aber nur an dieser!) Stelle widerspreche – oder ihm nur mit der Einschränkung zustimme, dass jedenfalls unreife Formen des Religionsverständnisses und der Religionsausübung dem Weltfrieden nicht zuträglich sind.

John Lennon ist also ein „Träumer“ - und eine Art Wach- oder luzider Träumer ebenso – gewesen in seinem weltberühmten Song von 1971.

Betrachten wir noch zwei weitere Aussagen.

Neale Donald Walsch listet in seinem Buch „Freundschaft mit Gott“ drei provokative Kernsätze auf, die der Liedbotschaft Lennons sehr ähnlich sind:

1.Wir sind alle eins.

2.Es ist genug da.

3.Wir müssen nichts tun.

Die Bedeutung ist leicht verständlich: Wir sind alle eins – aufeinander angewiesen und völlig gleichberechtigt. Es ist genug da – bei ernsthaftem Willen zur Kooperation reichen die Früchte dieser Erde für Alle. Wir müssen nichts tun – Niemand muss sich gegenüber den Anderen erhöhen, nicht um Macht und Einfluss kämpfen, wenn Alle einig sind und die Grundrechte aller Anderen respektieren.

Und als Zweites und Letztes ein paar Zeilen von Reinhard Mey, die mir angesichts der atemberaubenden Aussicht auf die Erde hier durch die Glaskuppel, durch die cupola der ISS in den Sinn kommen:

Über den Wolken

Über den Wolken
Muss die Freiheit wohl grenzenlos sein
Alle Ängste, alle Sorgen
Sagt man
Bleiben dahinter verborgen
Und dann
Würde was uns groß und wichtig erscheint
Plötzlich nichtig und klein

Auch hier leicht verständlich: Die Wolken wohl als Metapher, als Sinnbild, Wolken der Unwissenheit vielleicht, einer begrenzten Sichtweise in welcher Hinsicht auch immer, die der Überfliegende hinter sich gelassen hat.

Die 90 Minuten sind um, wir haben die Erde einmal umrundet, in Fußballspiellänge geschafft, wofür Jules Verne noch 80 Tage gebraucht hätte. Bevor ich in meinem Traumkörper wieder hinabsteige in unser bescheidenes Heim in den Bergen Nepals und meinen Platz wieder einnehme an der Seite meines schlafenden holden Weibes, drehe ich mich noch einmal um, blicke weg von der Erde und in die Station hinein, wo zwei der russischen Kosmonauten vor einem festmontierten Schachbrett mit Steckfiguren schweben. Habe ich es schon erzählt: Blickt man von der Seite, im Winkel von 90 Grad, auf ein aufgebautes Schachbrett, so sieht man die weißen und schwarzen Steine mit weitem Abstand voneinander aufgereiht – wie Verkörperungen von Gut und Böse in den gängigen Moralvorstellungen, ...

Weiß und Schwarz

Tage und Nächte

Hell und Dunkel

Licht und Schatten

Gut und Böse

Geo und Ego

Und dazwischen das Spielfeld mit all seinen Grautönen, seinen Abstufungen, seinen kommenden Verwicklungen, den kleinen und großen Lügen von uns Menschen, die wir unseren Mitmenschen gegenüber anwenden, um besser dazustehen (das eigene sich in die Tasche lügen mit einbezogen) den Tricks und Täuschungsmanövern der Akteure, den Hinhalte-Taktiken und Ablenkungs-Strategien, den Winkel-Zügen, all das im Aufeinanderprallen der Gegensätze, die das Leben ausmachen.

Wer oder was gewinnt nun am Ende:

Die Statistik gibt Anlass zu Hoffnung: Zu 37 % ist Weiß in menschlichen Schachpartien erfolgreich, Schwarz nur zu 27 %, es siegt also das Helle über das Dunkle, nicht zuletzt wegen des Anzugsvorteils, denn im metaphysischen Sinne war das Helle und Positive zuerst da (Warum sonst schreiben die Regeln vor, dass Weiß anfängt?!) und das Dunkle, Negative ist nur eine Folgeerscheinung des Lichts und letztlich nur vorübergehender Natur.

Drum macht euch einen Knoten in die Fernbedienung und denkt dran, was der optimistische Rheinländer sagt: Et hätt noch immer jot jejange! (Es ist noch immer gut ausgegangen.)

Aktenvermerk: Falls nicht auf dieser Homepage, so wird dieser Text doch wohl auf irgendeinem USB-Stick die nächsten 10 Jahre überleben (10 Jahre gibt die Industrie dieser Technologie wohl noch). Deshalb trage ich ich hier ein:

  1. Wiedervorlage am 31.12.2026
  2. Wiedervorlage am 31.12.2031              

Sowohl Udo R. als auch ich beabsichtigen – beide im Diesseits und in der derzeit (heute) aktuellen Inkarnation - an den beiden genannten Tagen die jetzige obenstehende Analyse mit der dann gegebenen Realität zu vergleichen und zu betrachten, welche Vorstellungen vom Leben, von der Welt und ihren Wirkmechanismen dann jeweils mehrheitlich im Bewusstsein der Menschen und der Menschheit Platz gegriffen haben.

Abschließende Schlussbemerkung:

Als Mitbegründer der Randspringer-Rubrik habe ich mir vorstehend die Freiheit genommen, noch einmal in einem großen globalen Rundumschlag wichtige Themen unserer Zeit mit Eigentümlichkeiten des Schachspiels in Verbindung zu bringen – so ziemlich ohne Rücksicht auf moderne Lesegewohnheiten, ohne illustrierende Bilder, ohne Berücksichtigung der schwindenden Bereitschaft, auch einmal etwas längere Textstrecken lesend auf sich wirken zu lassen, und jenseits eines Interesses für populäre, der modernen Leserschaft mehr mundende Themen – in diesem Habitus dabei vielleicht dem Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein nicht ganz unähnlich, der oft genug noch in seinen späten Jahren seine Redakteure mit langen Artikeln über Bismarck und Friedrich den Großen, seinen Steckenpferden, für die nächste Blattausgabe malträ … äh beglückte. Damit ist nun Schluss. Aus meiner und Udos Sicht ist in dieser Hinsicht, in Bezug auf die Kontaktpunkte des Schachspiels mit dem Rest des Lebens, alles Wesentliche gesagt. Wer anders darüber denkt, der möge sich zu eigener Autorenschaft berufen fühlen. Was uns beide anbelangt, so ist unsere Autorenschaft für diese Rubrik hiermit beendet.

Ein letzter weiterführender Hinweis: Die preisgekrönte Zeitschrift „KARL – das kulturelle Schachmagazin“, erscheint seit etwa 20 Jahren vierteljährlich und setzt in jedem Heft einen thematischen Schwerpunkt: Seien es bestimmte Spieler, historische Turniere, Prinzipien des Schachs oder Verbindungen des Schachs zu Musik, Mathematik, Literatur, Film oder Ähnlichem. Die Zeitschrift kann abonniert werden und man kann auf der Website nach alten Einzelexemplaren stöbern, solange diese noch nicht vergriffen sind. Ein Besuch dieser Seite, ein Bezug einzelner Hefte, vielleicht sogar ein Abonnenement wird sicher für Manchen oder Manche, die die am Rande des Schachbrettes liegenden Themen nicht aus dem Blick verlieren wollen, aufschlussreich und gewinnbringend sein.

 

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