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Als Ralf der Schließer eines Morgens erwachte, war das Paket von Feinkost-Käfer gelandet.
Seit dem ersten Nachtfrost in diesen Novembertagen des Jahres 2014 hatte sich der Asphalt-Boden vor der Justizvollzugsanstalt Landsberg an der Lech in Oberbayern in eine Eisbahn verwandelt. Der Kurierfahrer des berühmten Münchener Delikatessgeschäftes hatte die Gunst der frühen Froststunde genutzt, um - bei laufendem Motor seines Rollers – zur Einsparung eines längeren kräftezehrenden Fußmarsches von etwa elf Metern seine Fracht auf dieser Rutschbahn in bester Bowlingmanier bis vor das gußeiserne Gefängnistor zu schleudern, wo es mit einem dumpfen Knall anprallte und Ralf den Schließer, wenige Meter weiter in seiner Bereitschaftskabine liegend, heraus aus dem Schlaf riss. Verdammter Mist! Der Fahrer war doch ausdrücklich angehalten worden, jegliches Aufsehen zu vermeiden und jetzt dieser Lärm! Wenn außer ihm, Ralf, noch welche von den Knackis wachgeworden waren ... eine kurze Anfrage bei der Nachtschicht vom Wachturm ... ein Paket nachts! ... was war da drin und für wen und warum kriege ich keine Pakete? Solche Fragen waren das letzte, was er und Uli gebrauchen konnten.
Hastig sprang Ralf aus dem Bett, huschte lautlos aus seiner Kabine auf den Hof, öffnete die gut geölte Klappe für die Katze der Frau des Gefängnisdirektors und angelte nach dem kleinen Paket vor dem Tor. Geschafft! In seiner Kabine rüttelte er vorsichtig an dem professionell verschnürten und gepolsterten Pappkarton. Nichts rasselte und schepperte, die Champagnerflasche war also heil geblieben, der Kaviar in Dosen sowieso unverwüstlich. Wie spät eigentlich ... viertel vor vier?! Heilige Scheiße, müssen diese Kurierfahrer immer zu so unchristlichen Zeiten ... Ralf packte das Paket in eine unaufffällige Tüte für Anstaltsreinigungskram und zog sich die Decke über den Kopf in der aus Erfahrung genährten Hoffnung, bis um halb sechs - eine Viertelstunde vor dem morgendlichen Zellenaufschluß - noch einmal wegduseln zu können. -
Zur selben Zeit einhundert Meter weiter. Trakt B, Zelle 11: Anstaltsinsasse Uli H., Fußballmanager und nach eigenem Bekunden „kurierter Börsensüchtiger“, durchlebte gerade einen unruhigen Traum: Cowboys, Indianer, die Kavallerie und gepanzerte Ritter auf Pferden, vermeintlich längst vergessene Gestalten seiner Kindheit, erwachten als kleine Plastikfiguren zu neuem Leben. Doch statt wie früher ein Miniatur-Fort oder eine Ritterburg zu bevölkern, standen sie aufgereiht auf einer quadratischen Fläche mit schwarz-weiß karierten Feldern. Uli war verwirrt: Wie sollte er vorgehen, welche taktische Aufstellung war die richtige, 4 - 4 - 2 oder 4 – 3 - 2 -1? Nein, dies war ja kein Fußball, hier ging es um direkten Kampf Mann gegen Mann, er erinnerte sich, als Kinder hatten sie die Figuren immer gegeneinander gehauen und nach irgendwelchen obskuren Regeln, wenn überhaupt welche ausgemacht waren, blieb mal der Cowboy Sieger über den Indianer und der Angreifer über den Verteidiger der Ritterburg, mal war es umgekehrt. Uli erinnerte sich, wie sie zu zweit zwei Parteien gebildet und erfolgreiche Attacken simuliert hatten, der Geruch des aus Sperrholz geformten Armee-Forts stieg ihm wieder in die Nase und er glaubte die Oberfläche der aus Weichplastik geformten kleinen bunten Kämpferfigürchen zwischen seinen Fingern zu spüren. Das „Schlachtfeld“ war damals weiträumig definiert, soweit der Teppichboden oder das Linoleum im Kinderzimmer der Ulmer Metzgerfamilie eben reichte, was sollte das daher jetzt mit diesem Quadrat und dem kariertem Untergrund? Uli´s Gedanken – jetzt im Zwischenreich des Halbschlafes zwischen Tag und Traum agierend - dämmerten wieder weg ins Formlose. -
Fünf Uhr Dreissig: Diesmal riss der Wecker Ralf den Schließer aus dem unruhigen Schlaf. Gähnend quälte er sich aus seiner Koje, wie bei jeder Frühschicht seinen Job verfluchend. Immer noch besser als als Bäcker um zwei Uhr raus, tröstete er sich, griff nach einer Katzenwäsche seinen Schlüsselbund und das Delikatesspaket von Käfer in der Reinigungskramtüte und machte sich auf seinen morgendlichen, außerordentlich „aufschlußreichen“ Rundgang, sein Smartphone mit seinem Lieblingsvideospiel zum Daddeln in der Linken. Uli H. war jeden Freitagmorgen der Erste, dessen Tür er aufschloß, seitdem dieser ihm zwei Stehplatzkarten im Olympia-Stadion auf seiner Lieblingstribüne zugeschanzt hatte. Im Gegenzug gab es jeden Freitagmorgen eben jenes kleine Päckchen von Käfer zu einem Frühstück der gehobenen Art in Ulis Zelle, eine halbe Stunde vor der offiziellen Knastverpflegung mit labbrigen Toastscheiben und coffeinarmer Kaffeeplörre. Nicht ganz fair solch eine Sondervergünstigung, aber wo geht es schon fair zu im Leben und außerdem: Hoene$´ „Howe Wurstwaren“ waren schließlich ein wichtiger Lieferant für das Bierzelt von Feinkost Käfer auf dem Oktoberfest gewesen, da war eine kleine freitägliche Aufmerksamkeit doch nur recht und billig, oder?
Bevor Ralf die Zelle von Uli erreichte, kam er jedesmal an einem unauffälligem Gemeinschaftsraum vorbei. Vor etlichen Jahrzehnten, von 1923 bis 1924, hatte hier ein gewisser Adolf H. (mit Uli H. übrigens nicht verwandt und nicht verschwägert) in Einzelhaft gesessen und eine Menge bizarrer Ideen zu Papier gebracht. Später hatte er sich über die Kargheit seiner damaligen Haft-Verpflegung beklagt, obwohl er nach aktuellem Kenntnisstand – ebenso wie Uli H. heute in Zelle 11 – über ihm sehr gewogene Hilfskräfte verfügt hatte, die hinsichtlich der Qualität seiner Verköstigung kaum eine Mühe gescheut und einen Verpflegungsstandard gewährleistet hatten, welcher jedenfalls mit dem heutigen Standard in den Abfertigungseinrichtungen von „Tank und Rast“ entlang der von Adolf H. ins Leben gerufenen Autobahnen keinen Vergleich zu scheuen brauchte.
Wie auch immer: All dies war die Sorge von Ralf dem Schließer nicht. Historisches war nicht sein Ding, er lebte ganz in der Gegenwart und hatte – wenn auch nicht gerade um fünf Uhr dreissig - ein heiteres und sonniges Gemüt. Dabei hatte er schon zwei Wochen nach seinem Dienstantritt hier im Haus einen Spitznamen weg bekommen, mit dem er sich bis heute nicht anfreunden konnte – verliehen vom langjährigen Insassen von Zelle 13 in Block A, von Otto dem Chemiker, seines Zeichens langjähriger Mannschaftsarzt des Radrennstalls eines großen Telekom- munikationsunternehmens. Über die Gründe seiner Inhaftierung soll an dieser Stelle Stillschweigen gewahrt werden, jedenfalls brachten Ottos Fertigkeiten im kreativen Mixen stimmungsaufhellender und Fortschritte im Kraftraum begünstigender Pülverchen ihn in den Genuß mancher Extra-Tabakzuteilung von seinen Zellennachbarn. Als Ralf der Schließer also kurz nach seinem damaligen Dienstbeginn erstmals die Zelle von Otto dem Chemiker aufschloß, wie immer auf seinem Smartphone in seinem Lieblingsspiel herumdaddelnd, was die Gefängnisoberen ungern sahen, kam es zu folgendem denkwürdigen Dialog:
Hallo, saurer Ralf!
Woas is ?
Ja weißt du, für mich, für uns bist du ab heute der saure Ralf, ihr seid jetzt zu zweit, du und Ralph der Beikoch, und wir müssen euch ja irgendwie auseinanderhalten können ...
Ja, aber ...
... und der Unterschied ergibt sich aus der Schreibweise eurer Namen, deiner mit f und der von Ralph dem Beikoch mit ph am Ende und deshalb ...
Aber das hört man ja nich beim Sprechen ...
Ja eben. Und deshalb hab ich mir gedacht ... mal anders angefangen: Sagt dir der Begriff „pH-Wert“ irgendwas?
„pH-Wert“, iss das nich der negative dekadische Logarhythmus der Wasserstoffionenaktivität in einer wässrigen Lösung?
Bravo, da hat aber einer gut aufgepaßt im ...
Hatte mal als Kind ´nen Chemiebaukasten ... und ausgerechnet den Satz aus dem Beiheft hab ich mir ... alles andere hab ich vergessen, glaub ich ...
Gut, gut. – Es heißt übrigens Loga-rithmus und nicht Loga-rhythmus, hat nichts mit Rhythmus im musikalisch-tänzerischen Sinne zu tun, obwohl ... wenn man an August Kekulé und seinen Traum vom tanzenden Benzolring denkt ... manchmal ist in der Chemie ... - Wie auch immer ... dann weißt du vielleicht auch folgendes: der pH-Wert geht von 0 bis 14 und je kleiner die Zahl desto saurer das Ganze ... du schreibst dich mit „f“ am Ende, bist also gänzlich „pH-wert“-los, wenn ich das so sagen darf, während Ralph der Beikoch einen pH-Wert von 14 hätte ...
Woas is ??
... und „saurer Ralf“ klingt einfacher und besser als basischer oder alkalischer Ralph, wie wir Ralph den Beikoch zur Unterscheidung natürlich auch ...
Macht doch was ihr wollt, aber ...
... so daß wir dich „sauren Ralf“ nennen und Ralph den Beikoch einfach nur Ralph, verstehst du?
Mir is auf einmal ... fühl mich irgendwie so verwirrt und apathisch ...
Verwirrt und apathisch? Hier, probier das mal, hab nur gute Rückmeldungen aus dem Trakt bekommen ...
Und Ralf der Schließer war – ein wenig benommen und mit einem Pulvertütchen von Otto dem Chemiker in der Hosentasche - als nunmehr der „saure Ralf“ den langen Gang des Zellentraktes zur nächsten Tür geschlurft, wie immer die Zeit für ein paar Klicks in seinem Lieblingsspiel auf dem Smartphone nutzend. Er gewann zunehmend den Eindruck aufgrund des gerade geschilderten Gesprächs, daß Otto der Chemiker vielleicht selbst zuviel Gefallen an seinen heimlich während des Küchendienstes angefertigten Kreationen gefunden hatte, was seiner mentalen Verfassung nicht zuträglich zu sein schien (aus Gründen der Diskretion sei hier Ralfs Gedankengang weit weniger direkt wiedergegeben als in der realen Version); und müßte jemand, der Logarhythmus und Logarithmus vom bloßen Klang her unterscheiden konnte (und er, Ralf, hatte sein von ihm zwar in Unkenntnis so gewollten und gedachten Wort „Logarhythmus“ mit der Klangfärbung des „y“ zum „i“ statt zum „ü“ hin, also zufällig absolut gleichklingend mit „Logarithmus“ ausgesprochen, das wußte er genau!), mußte ein solcher dermaßen genauer Hinhörer wie Otto dann nicht auch Ralf und Ralph auseinanderhalten können? Oder einfach „Ralf der Schließer“ und „Ralph der Beikoch“ sagen? Wäre nur wenig länger als dieses peha-dingsa-Zeug und leichter zu merken ... Aber das sollte die Geschichte entscheiden und die war bekanntlich nicht Ralfs Ding (s.o.).
Ralf der Schließer war nun am ersten Ziel des heutigen Morgens angekommen, der Zelle von Uli H., mit der Tüte mit „Anstaltsreinigungskram“, dem „Care-Paket“, wie er es nannte, in der Hand. Ein Blick durch das Guckloch: Uli saß aufrecht auf seiner Pritsche, mit ebenso wirrem wie spärlichem Haupthaar, sein Blick ging soeben hinüber zu seinem viereckigen Eßtisch und dem Muster des daraufliegenden Tischtuches. Plötzlich erschien ein Leuchten auf dem Gesicht des „kurierten Börsensüchtigen“ und Uli H. sprang empor. -
Die schweren Schritte von Ralf dem Schließer auf den Fluren des Zellentraktes hatten Uli H. aus seinem Tagtraum gerissen, machten ihn blitzartig hellwach. Was hatte er da bloß ... fantasiert? oder geträumt? Wer wollte das sagen? Kleine Spielzeugfiguren aus seiner Kindheit auf hell-dunklem Untergrund, zwei Truppen in Formation, bereit aufeinander loszugehen, man müßte ihnen Regeln geben, Go and No-Go, ein taktisches Konzept müßte her, wo hatte er dieses quadratische Schlachtfeld, diese hellen und dunklen Felder nur her ... Uli H. reckte sich, richtete sich auf auf seiner Pritsche. Sein Blick fiel auf seinen Eßtisch: Genau, das war es! Heute morgen war Käfer-Tag, war Champagner und Kaviar, der Lichtblick und Hoffnungsschimmer in seiner Knast-Tristesse und wie jeden Donnerstagabend hatte er auch gestern abend zur Steigerung der Vorfreude seinen Eßtisch mit einer Decke in den Farben seiner bayrischen Heimat, mit hell- und dunkelblauen Rautenfeldern belegt, in der Mitte zwei Klötze in weiß und dunkelbraun: die Pfeffer- und Salzstreuer! Der Eßtisch, das Schlachtfeld, Spielfiguren seiner Kindheit, Truppen in Formation auf rautenförmigen Feldern in Hell und Dunkel: Er, Uli H., der Zocker, der Gambler ohne Fortune an den Finanzmärkten, er hatte soeben ein neues Spiel erfunden und der Menschheit damit einen uneigennützigen Dienst erweisen ... sich nützlich machen ... seine angeschlagene Reputation wiederherstellen können ...
Er hörte einen Schlüsselbund rasseln, die Zellentür öfffnete sich, der saure Ralf stand im Raum, legte sein Paket auf den Eßtisch und schloß die Tür hinter sich.
Mit nahezu verklärtem Gesichtsausdruck strahlte Uli H. ihn an:
Mensch, Ralf, alter Schließer vor dem Herrn!!!! Ich hab grade ein neues Spiel erfunden!!! Und er zeigte auf den quadratischen Eßtisch mit den hellen und dunklen Feldern, erzählte von seinem Traum, den Kindheitsfiguren, denen man Regeln geben mußte ...
Ralf der Schließer, mit seinem Smartphone in der Hand, hörte eine Weile geduldig zu, dann unterbrach er ihn: Hör mal zu, Uli, ich glaube ich verstehe, worauf du hinauswillst, aber ich fürchte, so ein Spiel, was dir vorschwebt das gibt es schon ... er hob sein Smartphone hoch und hielt Uli das beleuchtete Display vor dessen Gesicht, eine Stellung aus Kasparov gegen Iwantschuk war darauf zu erkennen ... nennt sich Schach, schon mal von gehört?
Schach! Uli H.s kräftige Kinnlade fiel schlagartig nach unten und das gewohnte Marzipanschweinchenrosa feister Selbstzufriedenheit seiner Gesichtszüge wich einige Sekunden lang fahler Blässe. Ach! Natürlich! Schach! Die „Klötzchenschieber“, wie sein Freund Franz B. sie zu nennen pflegte, ein durchaus geläufiges Gesellschaftsspiel, wie Uli H. einräumen mußte, aber zu früher Morgenstunde pflegt das schöpferische Gehirn, wenngleich frisch und ausgeruht oder vielleicht gerade deswegen, anscheinend nicht uneingeschränkt Zugang zu den banal-herkömmlichen Kenntnis-Ständen des Alltagswissens erlangen zu können ... mit anderen Worten: Es gibt halt nichts Neues unter der Sonne!
Enttäuscht sank Uli H. auf seine Pritsche zurück, was die ausgeleierten Spiralfedern derselben mit einem widerwilligen Quietschen kommentierten.
Desillusionisten sind die besten Lehrmeister und Helfer des Menschen, hab ich neulich mal irgendwo gelesen, in ´nem schlauen Buch, fuhr der saure Ralf fort.
Könntest mich deshalb eigentlich mal einladen zur Belohnung ... wenn ich mit meiner Runde durch bin ... zum zweiten Frühstück, mein ich ...
Na gut, stöhnte Uli H. und grinste gequält. Bist eingeladen, ich warte solange ... bis nachher!
Als die beiden später zusammen saßen, bei Krimsekt und Kaviar, waren schon wieder Knast-Trasch und die neuesten Steuer-Tricks das beherrschende Thema, nichtige Belanglosigkeiten des Alltags eben, wenn man so will. Denn auf eine viel interessantere Frage, auf ein viel tiefgründigeres Thema kamen sie nicht, nämlich: Wenn schon eine Gestalt wie Uli H. mit doch überschaubarem geistigen Horizont, sich eher auf das effektive finanzielle Ausplündern von Zuschauern in einer VIP-Lounge als auf die Lösung der ewigen Rätsel der Menschheit verstehend, wenn eine solche Person gleichwohl in der Lage ist, aufgrund von Kindheitserinnerungen kombiniert mit landsmannschaftlichen Besonderheiten der Tischdekoration die Grundzüge eines Spiels ja was? nachzuempfinden? zu „erfinden“? neu zu entdecken?, welches mehr denkbare Partieabläufe bieten soll als Atome im Weltall vorhanden sind: was um alles in der Welt kann dieser Umstand vielleicht für die Herkunft, den Ursprung, das Zustandekommen dieses Spieles bedeuten?
Sicherlich hatte es nicht den einen alleinigen Erfinder des Schachs gegeben. Sissa ibn Dahir, so nennt ihn die Legende, ein „Hoene$“ hier, ein „Hoene$“ dort, den Erfinder des Karo-Musters noch dazugenommen (auch nicht soo atemberaubend, oder?), dann die Beschleunigung von Dame und Läufer zu Beginn der Neuzeit, zum Schluß die Entwicklung der Rochade, alles gut und schön.
Wie steht es nun mit der sogenannten „Erfindungshöhe“ bezüglich des Schachspiels? Und war denn damit – mit der derzeitigen Endform – nicht nur etwas ent-deckt worden, was vor dem Urknall, vor der Entstehung des Universums, nicht schon präexistent gewesen sein könnte? Diese Frage mag jeder für sich selbst beantworten. Für den Philosophen Platon stammt – vereinfacht dargestellt - alles Manifestierte aus dem Reich der Ideen, ist eine Art von Konkretisierung von etwas im Grunde Jenseitigem und dem für uns geltendem Zeitbegriff nicht unterworfen Seine Antwort auf die Frage der „Präexistenz“ des Schachspiels, hätte er es schon gekannt, dürfte wohl „Ja“ gewesen sein.
Kleiner Exkurs: Schon Platon begriff die Welt als immerwährenden Ab- und Aufstiegsprozess. Die „Absteiger“ in die materielle Welt erfreuen sich ihrer Vielfalt und ihres Formenreichtums, tauchen ein in die Buntheit des Lebens, im Schach manifestiert durch die Unerschöpflichkeit der Spielzüge und Kombinationen. Die „Aufsteiger“ dagegen sind die, die ihre prekäre Lage, ihr Gefangensein in der Höhle in Platos berühmten gleichnamigen Gleichnis durchschauen und ihr zu entkommen suchen. Sie sind es, die im Schach den Gedanken des Strebens nach Einheit durch Gefangennahme des Königs im Vordergrund sehen, wie von Richard Yéti und seinen Protagonisten in „Auf der Suche nach dem verlorenen Selbst“ dargestellt.
Platons Gedanken wurden von Plotin aufgegriffen und weiterentwickelt, er nennt diesen immerwährenden Prozeß des Ab- und Aufstiegs Involution und Evolution.
Ein biblisches Bild dafür ist die Leiter mit den hinunter- und hinaufsteigenden Engeln, die Jakob im Traum erblickte. Hermann Hesse verarbeitete diesen Gedanken in seinem Roman "Narziss und Goldmund". In der höchsten Stufe der Mystik, der nicht-dualen Mystik, wird im Bewußtsein des Mystikers diese Trennung der beiden Bereiche oder Prozesse aufgehoben: „Die Welt ist Illusion. Nur Brahman ist wirklich. Brahman ist die Welt.“ Alles ist wieder einfach, ist „ein Geschmack“.
Zurück zu den Möglichkeiten des Schachspiels: Mehr denkbare Partieabläufe als Atome im Universum gebe es, so wird von Fachleuten gemunkelt: das sind zweifellos mehr mögliche Partien als man ... an den Fingern einer Hand abzählen kann. Ob linke oder rechte Hand wäre dabei unerheblich und selbst alle beide Hände zusammen reichten dazu nicht aus – bei weitem nicht, selbst wenn der Zählende seine Hände mehrmals zu Hilfe nähme und Strichlisten führte: seine begrenzte Lebenserwartung stünde dem Projekterfolg entgegen. Man stelle sich vor, begabten Mathematikern gelänge mithilfe der leistungsstärksten Rechner eine annähernd exakte Ermittlung der beiden Summen: welches Datum sollte der Stichtag der Zählung sein, schließlich wurden und werden immerfort Atome durch physikalische Prozesse vernichtet oder umgewandelt und die Zahl aller möglichen Partien kann variieren nach Regeländerungen (mögliche Zugwiederholungen, 50-Züge-Regel)? Und wenn dann am Ende das Ergebnis knapp wird (43 Atome mehr im Weltall als mögliche Partien oder umgekehrt): Muß dann wegen des Verdachts auf technische oder menschliche Fehler beim Zählprozeß noch mal neu ausgezählt werden wie bei Wahlen im US-Bundesstaat Florida? Und wie oft kann das jeweilige Ergebnis vor einem Gericht angefochten werden? Fragen über Fragen.
Einem Hund übrigens wäre das alles egal: Steht er vor einem Schachbrett, schnüffelt er kurz an den Figuren. Nichts riecht nach Wurst, also einmal kurz das Bein gehoben - und weiter geht´s.